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Teil 3
Bedewer trat einen Schritt zur Seite, um nicht nur die Kontrahenten im Blickfeld halten zu können, sondern auch Nicos´ Sekundanten. So in sich selbst versunken, wie dieser auf die Männer im Wasser starrte, musste auch er ein Drittes Auge besitzen.
Wenn man einen Kampf zwischen Schwertmeistern verfolgen wollte, sollte man schon einiges an Beobachtungsgabe und Erfahrung mitbringen. Ansonsten konnte man genauso gut den Himmel oder einen interessanten Stein betrachten.
Den eigentlichen Kampfverlauf konnte er natürlich nicht verfolgen. Aber jeder Schwertmeister sendete auf irgendeine weise Signale aus. Seine Körpersprache veränderte sich subtil, je nachdem, ob er in diesem geistigen Kampf vorne lag oder ins Hintertreffen geriet. Und ähnlich reagierten andere Schwertmeister, die den Kampf der Möglichkeiten beobachteten.
Bedewer hatte viele Duelle zwischen seinem Cousin, Großmutter Dana und Casims ewiger Flamme Jenna beobachtet. Und er traute sich zu, den derzeitigen Stand genau einschätzen zu können. Weder Nicos noch der andere Grymm zeigten ein Anzeichen von Anspannung, und Casims Selbstkontrolle war makellos. Das bedeutete sehr wahrscheinlich, dass er es irgendwie geschafft hatte, die Initiative an sich zu reißen.
*****
…Nicos beglückwünschte sich dazu, seinen Gegner nicht unterschätzt zu haben. Für gewöhnlich waren die ersten Momente eines Duells ein gegenseitiges Abtasten. Man bemühte sich, die Kampfweise des anderen einzuschätzen und sich darauf einzustellen.
Nicht so der Caith. Ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit hatte er eine furiose Serie von Angriffen gestartet. Noch dazu keine harmlosen. Jeder Treffer hätte Nicos schwer verletzt oder verstümmelt. Ohne die überlegene Geschwindigkeit seines spezialisierten Dritten Auges wäre er dennoch völlig überrumpelt worden. Doch nun hatte er sich wieder gefangen und ging seinerseits zum Angriff über…
*****
Schwertmeistern beim duellieren zuzusehen, war eine frustrierende Angelegenheit. Als würde man einen normalen Kampf mit geschlossenen Augen und verstopften Ohren beiwohnen. Für Alvin war es eine Tortur, nicht zu wissen, wie es um seinen Bruder stand.
Entnervt wandte er sich vom nicht-sichtbaren Geschehen ab und warf einen Blick in die Runde der Zuschauer.
Kalmes und Feik wirkten in etwa so ratlos wie er selbst. Sie bemühten sich aber redlich um interessierte Gesichter. Bedewer war, wie zu erwarten, hoch konzentriert. Der große bildete sich zwar ein, einen Kampf der Möglichkeiten gut einschätzen zu können, dennoch hielt Alvin nicht viel davon. Dazu lag sein Cousin zu oft daneben. Und der sandfarbene Grymm…
… Der schien zu bemerken, dass Blicke auf ihm lagen. Seine Augen blieben auf die Duellanten fixiert. Doch eines seiner spitzen Ohren drehte sich in Alvins Richtung. Nach einem Moment des Zögerns setzte sich der Caith in Bewegung. Ich kann zumindest versuchen, etwas über den Verlauf aus ihm herauszubekommen.
„Wir wurden einander nicht vorgestellt. Ich bin Alvin. Darf ich Deinen Namen erfahren?“
„Ich bin Dahid.“ Das war alles. Der Wolf war offenbar nicht an einer Fortsetzung des Gespräches interessiert. Alvin konnte die Beklemmung spüren, die seine Nähe in dem anderen auslöste. Er hatte Angst. Aber nicht um Nicos, sondern um seine eigene Gesundheit. Ich wette, Du hattest keine Ahnung, worauf Du Dich hier eingelassen hast. Eine gewisse Befriedigung konnte der Caith nicht verleugnen. Warum sollte er der einzige sein, dem es miserabel ging. Die Entscheidung, weiterzubohren, fiel ihm entsprechend leicht.
„Du hast das Dritte Auge, nicht wahr? Ist Nicos Dein Meister?“ Das zeigte Wirkung. Dahids Ohren zuckten, als wollten sie sich an seinem Kopf anlegen.
„Meister Nicos bereitet mich nur vor, damit ich in Westwind einen guten Einstand habe“, erwiderte der Grymm steif. Er wand sich förmlich bei diesen Worten. Ganz klar: Alvin hatte einen Nerv getroffen. Ein besonders guter Kartenspieler war Dahid bestimmt nicht. Der taktvolle, zurückhaltende Alvin, der heute Morgen aus dem Bett gehüpft war, hätte das Gespräch jetzt in eine andere Richtung gelenkt. Der frustrierte, vor Sorge kranke Sekundant seines Bruders zog diese Möglichkeit nicht einmal im Ansatz in Erwägung.
„Zu schade“, bemerkte er in dem beiläufigsten Tonfall, den er zustande brachte, „dass er ein Sammler ist. Besonders viele Freunde wirst Du Dir nicht machen.“
Dahid brach den Blickkontakt mit den Duellanten ab, sein Kopf zuckte zu Alvin herum. In seinem Gesichtsausdruck, seine Körpersprache und seinen Geruch mischten sich viele Dinge: Scham, Abscheu, Schmerz, … hilflose Wut.
Alvin bemerkte, dass er einen Schritt zurückgewichen war. In ihm wuchs der Wunsch, nach einem Messer zu greifen. Er befürchtete, es zu weit getrieben zu haben, doch dann wandte sich der Grymm brüsk ab und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Nicos und Casim.
Schon wollte sich der Caith wieder entfernen, als Dahids Stimme ihn innehalten lies. „Der Katzer hält sich noch gut.“
*****
…Nicos stürzte sich in die Lücke, in der realen Welt spannte sich sein Körper für den finalen Angriff. Sein Schwert würde dem Caith im perfekten Winkel in die Achselhöhle fahren und von dort aus weiter in sein Herz.
Seine Augen weiteten sich ein Stück, als sich ein neuer Pfad vor ihm erstreckte. Er begann, als sein Gegner seine Drehung fortsetzte und sich gleichzeitig tiefer duckte, dem tödlichen Angriff so auswich. Die Lücke erwies sich als Finte. Dann bohrte sich urplötzlich etwas in seine Haut. Hier entfaltete sich ein ganzer Fächer von Möglichkeiten. Abhängig von seinen Reaktionen erlitt er den Treffer an unterschiedlichsten Partien.
Nur eine Chance blieb, um ihn vor der Niederlage zu bewahren. Er machte einen Satz nach links und rollte sich über die Schulter ab. Was immer ihn treffen sollte, schrammte über seinen Schulterschutz und an ihm vorbei.
Auch diese Eventualität löste sich in nicht-geschehen auf. Zum ungezählten male standen sich die Kontrahenten erneut in Grundstellung gegenüber. Die Reaktionsschnelligkeit, die ihm sein Drittes Auge verlieh, hatte Nicos erneut vor einer unerwarteten Aktion des anderen gerettet. Aber wovor eigentlich?..
*****
„Dein Liebhaber ist voller Überraschungen. Aber er ist zu langsam.“
Genau so gut hätte Dahid Alvin ins Gesicht schlagen können. „Du redest von meinem Bruder“, war alles, was er zwischen aufeinander gepressten Zähnen hindurch quetschen konnte. Den Rest seiner Kraft wandte er dafür auf, still zu stehen und dem Grymm nicht furchtbare Dinge anzutun. Es war nicht das erste mal, dass die enge Beziehung, die sein Bruder und er pflegten, als etwas Schlüpfrigeres ausgelegt wurde. Ganz im Gegenteil, die Gerüchteküche brodelte, und mit der Zeit war der Caith über dieses Thema sehr dünnhäutig geworden.
Auch Dahid drückte die Kiefer aufeinander. Gleichzeitig ruckten Seine Ohren nach unten und der Kopf tiefer zwischen die Schultern. Schamesröte färbte die Haut unter dem sandfarbenen Fell. „I - ich bitte um Entschuldigung!“, keuchte er. Damit war sein Vorrat an Eloquenz wohl aufgebraucht. Er setzte mehrfach an, dem Satz etwas hinzuzufügen, bis er von Alvin erlöst wurde.
„Schon gut, halt mich einfach weiter auf dem Laufenden.“
*****
…Erneut diese drehende Ausweichbewegung. Erneut knapp entkommen. Doch diesmal hatte Nicos aus dem Labyrinth aus Reaktionen und Gegen-Reaktionen ein Bild mitgenommen: Es traf ihn am linken Handgelenk, dicht unter dem Rand der Lederstulpen, bohrte sich durch Fell und Haut und öffnete eine heftig blutende Wunde. Eine kleine, höllisch scharfe, nadelspitze Klinge. Und sie war am Schwanz des Caith befestigt, durch ihre matte, gebläute Oberfläche fast unsichtbar im aufgeplusterten Fell!
*****
Wäre dieser Kampf nur durch den Geschwindigkeitsunterschied der Dritten Augen zu entscheiden gewesen, er wäre schon vorbei. Doch es gab mindestens zwei Faktoren, die die Gleichung beeinflussten.
Zum einen die unterschiedlichen Ziele, die beide Kontrahenten verfolgten. Nicos hatte es auf Casims Leben abgesehen, während Casim nur eine oberflächliche Verletzung irgendwo am gegnerischen Körper erreichen musste (zumindest betete Bedewer darum, dass sich sein Cousin nicht mehr vorgenommen hatte).
Zum anderen der Kampfplatz. Das Wasser war inzwischen fast knietief und der Schlick darunter tückisch. Möchtegern-Seefahrer Casim hatte genug Boote ins Wasser geschoben, um den Untergrund zu kennen. Der andere war hier fremd.
Und dann war da noch der Plan, den sein Cousin angeblich verfolgte.
Nun, der sollte jetzt langsam Wirkung entfalten. Das Fell auf Bedewers Schnauze legte sich in Falten. Ein Mensch hätte wohl die Stirn gerunzelt. Ihm war nicht verborgen geblieben, dass Casims Schwanzspitze angefangen hatte, leicht zu zittern. Seine Körperkontrolle fing an, zu bröckeln. Das bedeutete, dass er immer mehr an Boden verlor.
Was machte der andere Grymm? Zu diesem hatte sich inzwischen Alvin gesellt (Kluger Junge, holt sich seine Informationen von der Quelle). Der Wolf redete, der Katzer hörte zu. Der Gesichtsausdruck des einen ungläubig, der des anderen schockiert.
Der große Caith konnte sich ausmalen, was gerade geschah: Sein Cousin suchte sein Heil in Aktionen, die niemand bei Verstand auch nur in Erwägung ziehen würde. Selbstmörderische improvisierte Bravourstücke, die nur deshalb nicht in einer Katastrophe endeten, weil Casims Bauchgefühl ihm sagte, dass sie gut gehen würden. Ein heftiger Flirt mit dem Seelenholer.
„Durch das Feuer springen“ nannte es Casim. Und er benutzte es, wenn Großmutter Dana oder Jenna ihn bei ihren gemeinsamen Übungen in die Enge getrieben hatten. Er begegnete der größeren Erfahrung der beiden Frauen mit seiner Unberechenbarkeit.
Es war reine Verzweiflung. Und es hatte Casim nie einen Sieg beschert. Nur ein wenig mehr Zeit bis zur Niederlage.
*****
… Ein Irrer, ganz sicher. In dem sich immer weiter verzweigenden Irrgarten aus Aktion und Reaktion hatte Nicos erlebt, wie dieser Casim nahezu jede Regel des Zweikampfes – ob für Schwertmeister aufgestellt oder für Normalsterbliche – umgangen, gebeugt oder schlicht gebrochen hatte.
Wenn Die Fähigkeiten des Caith stellvertretend für die vorausgegangenen Schwertmeister seines Geschlechts standen, war es nicht verwunderlich, dass die Erwähnung des Namens Steinbach selbst heute noch Ohren zum zucken brachte. Solch ein Talent, seinen Gegner kalt zu erwischen hatte Nicos noch nie erlebt. Das Ornament für diesen würde nicht, wie zuerst geplant, in der Magengegend gestochen werden, sondern auf dem Ehrenplatz. Der freien Stelle über dem Brustbein.
Die Trophäe war nun zum greifen nahe. Die Beute beinahe reif für den finalen Schlag. Nahezu alle Auswege von dem Grymm versperrt worden. Selbst die neuen Pfade, von dem manischen Ausbruch des Katzers in den Wald der Möglichkeiten geschlagen, wurden schneller verschlossen, als sie geschaffen werden konnten.
Ab jetzt war alles nur noch eine Frage der Zeit. Niemand konnte einem solchen Druck lange standhalten, ohne sich völlig zu verausgaben.
Da! Die Bemühungen seines Gegners hielten einen Moment inne, wurden stockend wieder aufgenommen und kamen dann völlig zum Stillstand. Und dort war die Öffnung, endlich.
Ein Schritt zur Vorbereitung und ein Sprung über das hinderliche Wasser hinweg. Er schlug mit seiner Klinge das linke Schwert des anderen beiseite, ließ sie davon abprallen und nutzte die Gegenbewegung, um die Spitze seiner Waffe in die Brust und das Herz seines Widersachers zu lenken.
*****
Beide Schwertmeister setzten sich gleichzeitig in Bewegung.
Augenblick! Setzten sich gleichzeitig in Bewegung? Das war der Moment, in dem Nicos klar wurde, dass etwas entsetzlich falsch lief.
Der erste Schritt. Nicos Pfote durchdrang die Wasseroberfläche Richtung Grund und traf auf etwas, was nicht zum Strand gehörte.
Im nächsten Moment schlug etwas gegen sein Bein. Nein, etwas schlug durch sein Bein! Kochendheißer Schmerz explodierte in seinem Unterschenkel, jagte durch den Körper und prallte von innen gegen die Schädeldecke. Alles in seinem Sichtfeld wurde weiß.
Nur das Dritte Auge nahm weiter Bewegungen auf, erfasste Casim, wie er das Manöver des Grymm kopierte. Nur an der Stelle, an der Nicos Angriff zu einem Stolpern wurde, sprang der Caith tatsächlich ab. Dann zerbrach Nicos Konzentration und er sah nichts mehr.
*****
Alvins Beine trugen ihn nicht länger.
Irgendwann während der letzten zwei, drei Herzschläge mussten sie nachgegeben haben.
Casim und der andere waren nahezu zeitgleich aus ihrer Erstarrung erwacht. Nur einen Augenblick, nachdem Dahid plötzlich verstummt war. Nicos hatte nach dem ersten Schritt innegehalten, während Casim auf den Grymm zugesprungen war. Dann waren sie aufeinander geprallt und in einem Knäuel aus Gliedmaßen und scharfem Stahl ins Wasser gestürzt.
Aus dem sich sein Bruder nun wieder erhob. Alvins Lungen finden wieder an, zu arbeiten. Zumindest konnte er die angestaute Luft in ihnen herauslassen.
Seine Haltung drückte absolute Erschöpfung aus. Er stierte mit einem Blick vor sich hin, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Und er hielt sich den linken Oberarm. Das durchnässte Fell dort und an den Fingern, die die Wunde bedeckten, begann sich bereits rötlich zu färben.
Nicos tauchte nicht wieder auf.
Ein Ruck schien durch die Zuschauer zu gehen. Bedewer, Kalmes und Feik machten gleichzeitig Anstalten, zu den Schwertmeistern hinunter zu springen.
„Halt!“ Auch wenn er so aussah, als ob er jeden Augenblick umkippen könnte, Casims Stimme hatte nach wie vor Kraft. Er nahm sogar seine Hand von der Verletzung, um sie den anderen abwehrend entgegenzustrecken. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf das Wasser, oder etwas, das darunter war. „Einen Herzschlag Geduld.“
Einen Moment später entspannte er sich wieder. „Ist gut, kommt runter.“
*****
Casim schloss sein Drittes Auge, diesmal endgültig. Ebenso wie seine weltlichen Augen. Er lauschte auf das näher kommende, laute Platschen, das so nur sein Cousin verursachen konnte und ließ sich in dessen Arme fallen.
Die folgenden Minuten gingen fast unbemerkt an ihm vorbei. Kaum bei Bewusstsein war ihm so, als wäre nicht nur sein Kopf, sondern sein ganzer Körper in Bahnen dicken Tuchs gehüllt. Irgendwie schafften Bedewer und Alvin es, ihn die Böschung hinauf und auf trockenes Land zu hieven. Noch nie hatte ihm ein Kampf der Möglichkeiten dermaßen die Kraft aus dem Leib gesogen.
Was seine Verwandten miteinander zu bereden hatten, vermischte sich zu einem einzigen, leisen Brummen. Komischerweise war Kalmes laut und deutlich zu verstehen. „Der Grymm ist ihm praktisch in die Klinge gestürzt. Meister Steinbach hatte keine Möglichkeit, seine Waffe rechtzeitig zurückzuziehen.“ Darüber würde er sicher einmal lächeln. Sobald er sich daran erinnern konnte, wie man das machte.
Eine Bandage, diesmal keine imaginäre, legte sich fest um seinen verwundeten Arm. „Das muss genäht werden.“ Das klang nach Alvin. „Soll Cousine Giniver machen.“ Und das nach Bedewer. Etwas wurde ihm in die Hand gedrückt, dass sich wie eine Flasche anfühlte. Also nahm er einige tiefe Schlucke…
*****
Bedewer klopfte seinem röchelnden Cousin sanft auf den Rücken und beobachtete selbstzufrieden, wie der Rest Branntwein aus seinem Flachmann die Lebensgeister des Schwertmeisters neu entzündeten.
Schließlich nahm Alvin Casims Gesicht in seine Hände und blickte ihm in die Augen, die sich nach einem Augenblick der Konfusion zentrierten und den Blick erwiderten. „Wieder unter den Lebenden?“
„Gerade so noch“, erwiderte Casim. Die Stimme anfangs noch etwas kratzig. Aber es wurde rasch besser. „Wasser war anscheinend nicht zu bekommen, was?“
„Du hast so ausgesehen, als ob was stärkeres verlangt wird“, erklärte Bedewer mit einem leisen Kichern. „So, und jetzt lass´ uns nicht dumm sterben.“ Und jetzt klang er wieder ernst. „Was ist da passiert?“
Casim beantwortete die Frage mit einem Kinderreim:
Zwei Ding´ besiegen den Schwertmann
Seinesgleichen
Und alles, was er nicht sehen kann
„Das ist mir wieder eingefallen, als ich oben auf der Galerie im ´Schwarzen Kopf´ gestanden und nicht mehr weiter gewusst habe“, erzählte er seinen verblüfften Zuhörern. „Sammler können nur ein Ziel auf einmal mit dem Dritten Auge betrachten, nicht mehrere auf einmal, wie jeder normale Schwertmeister.“
Er streifte die Stütze ab, die die beiden anderen Caith im boten und tat einige unsichere Schritte auf die Böschung zu. Theatralisch breitete er die Arme aus. „Und da hatte ich plötzlich die Antwort!“
Kopfschüttelnd trat Alvin an seine Seite. „Es ist nicht schwer, darauf zu kommen, dass da etwas im Wasser war. Aber es ist eine bleigraue Fläche. Da konnte man doch keinen Fingerbreit weit rein schauen!“
Bedewer war nun an Casims anderer Seite und hob erklärend einen Finger. „Ein Drittes Auge kann Bewegungen auch durch einen Vorhang oder eine dünne Wand durch sehen. Großmutter Dana hat mir das mal erzählt.“ Er stupste Casim an und brummte: „Ich war neugierig, wie ihr berühmter Fächertrick geht.“
Alvin hatte ganz offensichtlich keine Geduld, irgendwelchen Frotzeleien zwischen den beiden zuzusehen, deren Hintergründe er ohnehin nicht kannte. „Also was war jetzt da unten?“
„Stachelrochen“, lautete die lapidare Antwort.
„Stachel- was?“
„Das sind Fische, die wie Pfannkuchen aussehen. Und hinten dran ist ein langer Schwanz mit einem giftigen Stachel.“
Der große bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen. „Oh, natürlich“, stöhnte er. „Der Tag, an dem Dich die Fischer nach Hause gebracht haben. Du hast geschrieen, als ob Dich einer angezündet hätte.“
Unwillkürlich wanderte Casims Hand zu seinem rechten Oberschenkel, wo unter dem Schutz eine winzige, runde haarlose Stelle von einer alten Narbe kündete. „Ja, der Schwanz ist dünner als ein Finger, aber er kann einen ausgewachsenen Mann durchbohren. Und das Gift erzeugt so unglaubliche Schmerzen, dass man überhaupt nichts anderes mehr wahrnimmt. Dieser Küstenstreifen hier“, eine ausholende Geste, „ist einer Göttin des Meeres heilig. Ich muss gestehen, dass ich ihren Namen nicht mehr weiß. Die Rochen sind so was wie ihre heiligen Tiere. Sie kommen bei Flut nah ans Land heran. Die Fischer stellen sich manchmal bei Nippflut ins Wasser und füttern sie. Und passen auf, sich nicht zu rühren, denn wenn man auf sie tritt…“ Ein Schlag gegen seinen Oberschenkel, „Nun, diese Lektion hab ich auf die harte Weise gelernt.“
Ein Schlag gegen seinen Hinterkopf, diesmal nicht von seiner eigenen Hand geführt. Alvin funkelte ihn wütend an. „Das hättest Du mir auch gleich sagen können. Ich fast gestorben vor Angst!“ Als abgesehen von einem verlegenen Husten keine Antwort kam, legten sich seine Ohren dicht an den Kopf. Energisch packte er seinen Bruder an den Schultern und drehte ihn zu sich.
„Was ist da noch? Spuck´s aus!“
Casim lächelte schief. Auch seine Ohren waren nun zurückgeklappt. Allerdings bei ihm aus Schuldbewusstsein. „Als Kalmes schon fort war, ist mir eingefallen, dass die Rochen nicht in jedem Monat zum Strand kommen. Ich wusste nicht mehr, ob das einer von den richtigen ist.“
Er fand sich auf dem Rücken wieder. Sein Kiefer schmerzte und die linke Schnauzenseite fühlte sich an, als ob sie in kürze sehr dick sein würde. Das erste, was er sah, als seine Augen wieder geradeaus schauen konnten, war Bedewer, der sich vor lachen kaum auf den Beinen halten konnte.
„Oh, Götter! Dein Bruder hat wirklich einen kräftigen Vorderflügel. Diese rechte hätte ich auch gespürt“, keuchte er. Schließlich reichte er ihm eine Hand, um ihm aufzuhelfen. Geduldig ertrug Casim das unkontrollierte Gekicher seines Cousins, als dieser ihm den Dreck von Kleidung und Fell klopfte. Knie und Fußgelenke wackelten noch bedenklich, und nach sprechen war ihm momentan nicht zumute.
Er sah sich um, wo sein Bruder abgeblieben war und entdeckte ihn, als dieser sich zu dem anderen Grymm ins Gras setzte. Vor ihnen lag ein sechs Fuß langes etwas, dass in eine Decke gehüllt war. Ganz sicher Nicos Leiche.
Um das Maß vollzumachen, wählten Kalmes und Feik ausgerechnet diesen Moment, um sich zu ihnen zu gesellen. Beide hatten offizielle Mienen aufgesetzt. Ein schlechter Geschmack löste den von Blut in seinem Mund ab und Casim spie ungeniert vor den beiden aus.
Beide Fay wechselten einen Blick miteinander und Feik bedeutete seinem Kollegen, zu beginnen.
„Es ist bedauerlich“, begann der rote Fay, „welch tragisches Ende dieser Kampf genommen hat. Eine so eindeutige Entscheidung hat sich niemand von uns…“
„Halten Sie die Klappe!“, fiel Casim dem Fay barsch ins Wort. „Der Sieg in diesem Vergleich geht an Kaltfels. Sein Schwert hat mich zuerst verletzt.“ Und deutete auf die Bandage an seinem linken Arm.
Ein Unterkiefer klappte hörbar zu. Zwei andere fielen herunter. Und Bedewers Hand, die auf Casims Schulter gelegen hatte, drückte nun zu. Schmerzhaft. Ganz sicher rang er um das bisschen Selbstbeherrschung, das nötig war, um seinen Cousin nicht auch zu Boden zu strecken. Zwischen die Stöße heißer Atemluft, die an seinem Ohr vorbeizischten, mischten sich Worte: „Du sturer, verlauster, räudiger, hirnverbrannter, dickschädeliger…“ Dann verstummte er und fing jäh an, zu lachen. „Du lässt Dir von niemandem was schenken, hä?“
„Sie haben es gehört“, fuhr er die Amtmänner an, die immer noch nicht aus ihrer Erstarrung erwacht waren. „Gehen Sie uns aus den Augen und erzählen Sie´s dem Zunftrat: Meister Steinbach schmeißt seinen großen Sieg den Donnerbalken hinunter.“
Irgendwie brachte er es fertig, die beiden loszuwerden ohne sie über Gebühr zu beleidigen. Er half ihnen sogar, Nicos Leiche auf dessen Tier festzubinden. Im Anbetracht des langsam schwächer werdenden Tageslichts bereitete er alles für einen baldigen Abritt vor, gesellte sich aber wieder zu Casim, um mit ihm zusammen die versinkende Sonne zu betrachten.
Alvin kam zurück. Seine rechte Hand hielt er in einer etwas merkwürdigen Haltung gegen seinen Magen, mit der linken zog er ein sandfarbenes Häufchen Elend hinter sich her. „Leute, ich möchte Euch jemanden vorstellen, der gerne in Nordwind lernen würde.“
*****
Bedewer ließ sich etwas zurückfallen und gab Casim einen Wink, es ihm gleichzutun. Breit feixend blickte er seinem vorausreitenden Cousin und dem Grymm nach. „Oooooch, ist das nicht niedlich? Der kleine hat sich ein Wölfchen angelacht!“ Sein Grinsen, das praktisch von Ohr zu Ohr reichte, wurde für einen Moment erschüttert, als sich ihm ein Ellbogen in die Seite bohrte.
Casims Ohren hatten sich fast angelegt, aber es war ihm anzusehen, dass er mit einem Lächeln rang. „Jetzt halt mal die Luft an. Nicht jeder hier ist so wie Du.“
„Du kannst sagen, was Du willst“, entgegnete Bedewer. „Aber ich wette zehn Silber, dass wir die beiden in spätestens einer Woche zusammen im Bett erwischen.“
Darüber dachte Casim nicht einmal einen Herzschlag nach. „Angenommen! Gerade weil ich weiß, dass Alvin nicht alles ins Bett zerrt, das nicht bei ´drei´ unter einen Stein gekrochen ist. So wie jemand anderes, den ich kenne. „ Diesen Satz lies er einen Moment einwirken, bevor er hinzufügte: „Es dauert mindestens zwei Wochen.“
ENDE
Teil 3
Bedewer trat einen Schritt zur Seite, um nicht nur die Kontrahenten im Blickfeld halten zu können, sondern auch Nicos´ Sekundanten. So in sich selbst versunken, wie dieser auf die Männer im Wasser starrte, musste auch er ein Drittes Auge besitzen.
Wenn man einen Kampf zwischen Schwertmeistern verfolgen wollte, sollte man schon einiges an Beobachtungsgabe und Erfahrung mitbringen. Ansonsten konnte man genauso gut den Himmel oder einen interessanten Stein betrachten.
Den eigentlichen Kampfverlauf konnte er natürlich nicht verfolgen. Aber jeder Schwertmeister sendete auf irgendeine weise Signale aus. Seine Körpersprache veränderte sich subtil, je nachdem, ob er in diesem geistigen Kampf vorne lag oder ins Hintertreffen geriet. Und ähnlich reagierten andere Schwertmeister, die den Kampf der Möglichkeiten beobachteten.
Bedewer hatte viele Duelle zwischen seinem Cousin, Großmutter Dana und Casims ewiger Flamme Jenna beobachtet. Und er traute sich zu, den derzeitigen Stand genau einschätzen zu können. Weder Nicos noch der andere Grymm zeigten ein Anzeichen von Anspannung, und Casims Selbstkontrolle war makellos. Das bedeutete sehr wahrscheinlich, dass er es irgendwie geschafft hatte, die Initiative an sich zu reißen.
*****
…Nicos beglückwünschte sich dazu, seinen Gegner nicht unterschätzt zu haben. Für gewöhnlich waren die ersten Momente eines Duells ein gegenseitiges Abtasten. Man bemühte sich, die Kampfweise des anderen einzuschätzen und sich darauf einzustellen.
Nicht so der Caith. Ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit hatte er eine furiose Serie von Angriffen gestartet. Noch dazu keine harmlosen. Jeder Treffer hätte Nicos schwer verletzt oder verstümmelt. Ohne die überlegene Geschwindigkeit seines spezialisierten Dritten Auges wäre er dennoch völlig überrumpelt worden. Doch nun hatte er sich wieder gefangen und ging seinerseits zum Angriff über…
*****
Schwertmeistern beim duellieren zuzusehen, war eine frustrierende Angelegenheit. Als würde man einen normalen Kampf mit geschlossenen Augen und verstopften Ohren beiwohnen. Für Alvin war es eine Tortur, nicht zu wissen, wie es um seinen Bruder stand.
Entnervt wandte er sich vom nicht-sichtbaren Geschehen ab und warf einen Blick in die Runde der Zuschauer.
Kalmes und Feik wirkten in etwa so ratlos wie er selbst. Sie bemühten sich aber redlich um interessierte Gesichter. Bedewer war, wie zu erwarten, hoch konzentriert. Der große bildete sich zwar ein, einen Kampf der Möglichkeiten gut einschätzen zu können, dennoch hielt Alvin nicht viel davon. Dazu lag sein Cousin zu oft daneben. Und der sandfarbene Grymm…
… Der schien zu bemerken, dass Blicke auf ihm lagen. Seine Augen blieben auf die Duellanten fixiert. Doch eines seiner spitzen Ohren drehte sich in Alvins Richtung. Nach einem Moment des Zögerns setzte sich der Caith in Bewegung. Ich kann zumindest versuchen, etwas über den Verlauf aus ihm herauszubekommen.
„Wir wurden einander nicht vorgestellt. Ich bin Alvin. Darf ich Deinen Namen erfahren?“
„Ich bin Dahid.“ Das war alles. Der Wolf war offenbar nicht an einer Fortsetzung des Gespräches interessiert. Alvin konnte die Beklemmung spüren, die seine Nähe in dem anderen auslöste. Er hatte Angst. Aber nicht um Nicos, sondern um seine eigene Gesundheit. Ich wette, Du hattest keine Ahnung, worauf Du Dich hier eingelassen hast. Eine gewisse Befriedigung konnte der Caith nicht verleugnen. Warum sollte er der einzige sein, dem es miserabel ging. Die Entscheidung, weiterzubohren, fiel ihm entsprechend leicht.
„Du hast das Dritte Auge, nicht wahr? Ist Nicos Dein Meister?“ Das zeigte Wirkung. Dahids Ohren zuckten, als wollten sie sich an seinem Kopf anlegen.
„Meister Nicos bereitet mich nur vor, damit ich in Westwind einen guten Einstand habe“, erwiderte der Grymm steif. Er wand sich förmlich bei diesen Worten. Ganz klar: Alvin hatte einen Nerv getroffen. Ein besonders guter Kartenspieler war Dahid bestimmt nicht. Der taktvolle, zurückhaltende Alvin, der heute Morgen aus dem Bett gehüpft war, hätte das Gespräch jetzt in eine andere Richtung gelenkt. Der frustrierte, vor Sorge kranke Sekundant seines Bruders zog diese Möglichkeit nicht einmal im Ansatz in Erwägung.
„Zu schade“, bemerkte er in dem beiläufigsten Tonfall, den er zustande brachte, „dass er ein Sammler ist. Besonders viele Freunde wirst Du Dir nicht machen.“
Dahid brach den Blickkontakt mit den Duellanten ab, sein Kopf zuckte zu Alvin herum. In seinem Gesichtsausdruck, seine Körpersprache und seinen Geruch mischten sich viele Dinge: Scham, Abscheu, Schmerz, … hilflose Wut.
Alvin bemerkte, dass er einen Schritt zurückgewichen war. In ihm wuchs der Wunsch, nach einem Messer zu greifen. Er befürchtete, es zu weit getrieben zu haben, doch dann wandte sich der Grymm brüsk ab und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Nicos und Casim.
Schon wollte sich der Caith wieder entfernen, als Dahids Stimme ihn innehalten lies. „Der Katzer hält sich noch gut.“
*****
…Nicos stürzte sich in die Lücke, in der realen Welt spannte sich sein Körper für den finalen Angriff. Sein Schwert würde dem Caith im perfekten Winkel in die Achselhöhle fahren und von dort aus weiter in sein Herz.
Seine Augen weiteten sich ein Stück, als sich ein neuer Pfad vor ihm erstreckte. Er begann, als sein Gegner seine Drehung fortsetzte und sich gleichzeitig tiefer duckte, dem tödlichen Angriff so auswich. Die Lücke erwies sich als Finte. Dann bohrte sich urplötzlich etwas in seine Haut. Hier entfaltete sich ein ganzer Fächer von Möglichkeiten. Abhängig von seinen Reaktionen erlitt er den Treffer an unterschiedlichsten Partien.
Nur eine Chance blieb, um ihn vor der Niederlage zu bewahren. Er machte einen Satz nach links und rollte sich über die Schulter ab. Was immer ihn treffen sollte, schrammte über seinen Schulterschutz und an ihm vorbei.
Auch diese Eventualität löste sich in nicht-geschehen auf. Zum ungezählten male standen sich die Kontrahenten erneut in Grundstellung gegenüber. Die Reaktionsschnelligkeit, die ihm sein Drittes Auge verlieh, hatte Nicos erneut vor einer unerwarteten Aktion des anderen gerettet. Aber wovor eigentlich?..
*****
„Dein Liebhaber ist voller Überraschungen. Aber er ist zu langsam.“
Genau so gut hätte Dahid Alvin ins Gesicht schlagen können. „Du redest von meinem Bruder“, war alles, was er zwischen aufeinander gepressten Zähnen hindurch quetschen konnte. Den Rest seiner Kraft wandte er dafür auf, still zu stehen und dem Grymm nicht furchtbare Dinge anzutun. Es war nicht das erste mal, dass die enge Beziehung, die sein Bruder und er pflegten, als etwas Schlüpfrigeres ausgelegt wurde. Ganz im Gegenteil, die Gerüchteküche brodelte, und mit der Zeit war der Caith über dieses Thema sehr dünnhäutig geworden.
Auch Dahid drückte die Kiefer aufeinander. Gleichzeitig ruckten Seine Ohren nach unten und der Kopf tiefer zwischen die Schultern. Schamesröte färbte die Haut unter dem sandfarbenen Fell. „I - ich bitte um Entschuldigung!“, keuchte er. Damit war sein Vorrat an Eloquenz wohl aufgebraucht. Er setzte mehrfach an, dem Satz etwas hinzuzufügen, bis er von Alvin erlöst wurde.
„Schon gut, halt mich einfach weiter auf dem Laufenden.“
*****
…Erneut diese drehende Ausweichbewegung. Erneut knapp entkommen. Doch diesmal hatte Nicos aus dem Labyrinth aus Reaktionen und Gegen-Reaktionen ein Bild mitgenommen: Es traf ihn am linken Handgelenk, dicht unter dem Rand der Lederstulpen, bohrte sich durch Fell und Haut und öffnete eine heftig blutende Wunde. Eine kleine, höllisch scharfe, nadelspitze Klinge. Und sie war am Schwanz des Caith befestigt, durch ihre matte, gebläute Oberfläche fast unsichtbar im aufgeplusterten Fell!
*****
Wäre dieser Kampf nur durch den Geschwindigkeitsunterschied der Dritten Augen zu entscheiden gewesen, er wäre schon vorbei. Doch es gab mindestens zwei Faktoren, die die Gleichung beeinflussten.
Zum einen die unterschiedlichen Ziele, die beide Kontrahenten verfolgten. Nicos hatte es auf Casims Leben abgesehen, während Casim nur eine oberflächliche Verletzung irgendwo am gegnerischen Körper erreichen musste (zumindest betete Bedewer darum, dass sich sein Cousin nicht mehr vorgenommen hatte).
Zum anderen der Kampfplatz. Das Wasser war inzwischen fast knietief und der Schlick darunter tückisch. Möchtegern-Seefahrer Casim hatte genug Boote ins Wasser geschoben, um den Untergrund zu kennen. Der andere war hier fremd.
Und dann war da noch der Plan, den sein Cousin angeblich verfolgte.
Nun, der sollte jetzt langsam Wirkung entfalten. Das Fell auf Bedewers Schnauze legte sich in Falten. Ein Mensch hätte wohl die Stirn gerunzelt. Ihm war nicht verborgen geblieben, dass Casims Schwanzspitze angefangen hatte, leicht zu zittern. Seine Körperkontrolle fing an, zu bröckeln. Das bedeutete, dass er immer mehr an Boden verlor.
Was machte der andere Grymm? Zu diesem hatte sich inzwischen Alvin gesellt (Kluger Junge, holt sich seine Informationen von der Quelle). Der Wolf redete, der Katzer hörte zu. Der Gesichtsausdruck des einen ungläubig, der des anderen schockiert.
Der große Caith konnte sich ausmalen, was gerade geschah: Sein Cousin suchte sein Heil in Aktionen, die niemand bei Verstand auch nur in Erwägung ziehen würde. Selbstmörderische improvisierte Bravourstücke, die nur deshalb nicht in einer Katastrophe endeten, weil Casims Bauchgefühl ihm sagte, dass sie gut gehen würden. Ein heftiger Flirt mit dem Seelenholer.
„Durch das Feuer springen“ nannte es Casim. Und er benutzte es, wenn Großmutter Dana oder Jenna ihn bei ihren gemeinsamen Übungen in die Enge getrieben hatten. Er begegnete der größeren Erfahrung der beiden Frauen mit seiner Unberechenbarkeit.
Es war reine Verzweiflung. Und es hatte Casim nie einen Sieg beschert. Nur ein wenig mehr Zeit bis zur Niederlage.
*****
… Ein Irrer, ganz sicher. In dem sich immer weiter verzweigenden Irrgarten aus Aktion und Reaktion hatte Nicos erlebt, wie dieser Casim nahezu jede Regel des Zweikampfes – ob für Schwertmeister aufgestellt oder für Normalsterbliche – umgangen, gebeugt oder schlicht gebrochen hatte.
Wenn Die Fähigkeiten des Caith stellvertretend für die vorausgegangenen Schwertmeister seines Geschlechts standen, war es nicht verwunderlich, dass die Erwähnung des Namens Steinbach selbst heute noch Ohren zum zucken brachte. Solch ein Talent, seinen Gegner kalt zu erwischen hatte Nicos noch nie erlebt. Das Ornament für diesen würde nicht, wie zuerst geplant, in der Magengegend gestochen werden, sondern auf dem Ehrenplatz. Der freien Stelle über dem Brustbein.
Die Trophäe war nun zum greifen nahe. Die Beute beinahe reif für den finalen Schlag. Nahezu alle Auswege von dem Grymm versperrt worden. Selbst die neuen Pfade, von dem manischen Ausbruch des Katzers in den Wald der Möglichkeiten geschlagen, wurden schneller verschlossen, als sie geschaffen werden konnten.
Ab jetzt war alles nur noch eine Frage der Zeit. Niemand konnte einem solchen Druck lange standhalten, ohne sich völlig zu verausgaben.
Da! Die Bemühungen seines Gegners hielten einen Moment inne, wurden stockend wieder aufgenommen und kamen dann völlig zum Stillstand. Und dort war die Öffnung, endlich.
Ein Schritt zur Vorbereitung und ein Sprung über das hinderliche Wasser hinweg. Er schlug mit seiner Klinge das linke Schwert des anderen beiseite, ließ sie davon abprallen und nutzte die Gegenbewegung, um die Spitze seiner Waffe in die Brust und das Herz seines Widersachers zu lenken.
*****
Beide Schwertmeister setzten sich gleichzeitig in Bewegung.
Augenblick! Setzten sich gleichzeitig in Bewegung? Das war der Moment, in dem Nicos klar wurde, dass etwas entsetzlich falsch lief.
Der erste Schritt. Nicos Pfote durchdrang die Wasseroberfläche Richtung Grund und traf auf etwas, was nicht zum Strand gehörte.
Im nächsten Moment schlug etwas gegen sein Bein. Nein, etwas schlug durch sein Bein! Kochendheißer Schmerz explodierte in seinem Unterschenkel, jagte durch den Körper und prallte von innen gegen die Schädeldecke. Alles in seinem Sichtfeld wurde weiß.
Nur das Dritte Auge nahm weiter Bewegungen auf, erfasste Casim, wie er das Manöver des Grymm kopierte. Nur an der Stelle, an der Nicos Angriff zu einem Stolpern wurde, sprang der Caith tatsächlich ab. Dann zerbrach Nicos Konzentration und er sah nichts mehr.
*****
Alvins Beine trugen ihn nicht länger.
Irgendwann während der letzten zwei, drei Herzschläge mussten sie nachgegeben haben.
Casim und der andere waren nahezu zeitgleich aus ihrer Erstarrung erwacht. Nur einen Augenblick, nachdem Dahid plötzlich verstummt war. Nicos hatte nach dem ersten Schritt innegehalten, während Casim auf den Grymm zugesprungen war. Dann waren sie aufeinander geprallt und in einem Knäuel aus Gliedmaßen und scharfem Stahl ins Wasser gestürzt.
Aus dem sich sein Bruder nun wieder erhob. Alvins Lungen finden wieder an, zu arbeiten. Zumindest konnte er die angestaute Luft in ihnen herauslassen.
Seine Haltung drückte absolute Erschöpfung aus. Er stierte mit einem Blick vor sich hin, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Und er hielt sich den linken Oberarm. Das durchnässte Fell dort und an den Fingern, die die Wunde bedeckten, begann sich bereits rötlich zu färben.
Nicos tauchte nicht wieder auf.
Ein Ruck schien durch die Zuschauer zu gehen. Bedewer, Kalmes und Feik machten gleichzeitig Anstalten, zu den Schwertmeistern hinunter zu springen.
„Halt!“ Auch wenn er so aussah, als ob er jeden Augenblick umkippen könnte, Casims Stimme hatte nach wie vor Kraft. Er nahm sogar seine Hand von der Verletzung, um sie den anderen abwehrend entgegenzustrecken. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf das Wasser, oder etwas, das darunter war. „Einen Herzschlag Geduld.“
Einen Moment später entspannte er sich wieder. „Ist gut, kommt runter.“
*****
Casim schloss sein Drittes Auge, diesmal endgültig. Ebenso wie seine weltlichen Augen. Er lauschte auf das näher kommende, laute Platschen, das so nur sein Cousin verursachen konnte und ließ sich in dessen Arme fallen.
Die folgenden Minuten gingen fast unbemerkt an ihm vorbei. Kaum bei Bewusstsein war ihm so, als wäre nicht nur sein Kopf, sondern sein ganzer Körper in Bahnen dicken Tuchs gehüllt. Irgendwie schafften Bedewer und Alvin es, ihn die Böschung hinauf und auf trockenes Land zu hieven. Noch nie hatte ihm ein Kampf der Möglichkeiten dermaßen die Kraft aus dem Leib gesogen.
Was seine Verwandten miteinander zu bereden hatten, vermischte sich zu einem einzigen, leisen Brummen. Komischerweise war Kalmes laut und deutlich zu verstehen. „Der Grymm ist ihm praktisch in die Klinge gestürzt. Meister Steinbach hatte keine Möglichkeit, seine Waffe rechtzeitig zurückzuziehen.“ Darüber würde er sicher einmal lächeln. Sobald er sich daran erinnern konnte, wie man das machte.
Eine Bandage, diesmal keine imaginäre, legte sich fest um seinen verwundeten Arm. „Das muss genäht werden.“ Das klang nach Alvin. „Soll Cousine Giniver machen.“ Und das nach Bedewer. Etwas wurde ihm in die Hand gedrückt, dass sich wie eine Flasche anfühlte. Also nahm er einige tiefe Schlucke…
*****
Bedewer klopfte seinem röchelnden Cousin sanft auf den Rücken und beobachtete selbstzufrieden, wie der Rest Branntwein aus seinem Flachmann die Lebensgeister des Schwertmeisters neu entzündeten.
Schließlich nahm Alvin Casims Gesicht in seine Hände und blickte ihm in die Augen, die sich nach einem Augenblick der Konfusion zentrierten und den Blick erwiderten. „Wieder unter den Lebenden?“
„Gerade so noch“, erwiderte Casim. Die Stimme anfangs noch etwas kratzig. Aber es wurde rasch besser. „Wasser war anscheinend nicht zu bekommen, was?“
„Du hast so ausgesehen, als ob was stärkeres verlangt wird“, erklärte Bedewer mit einem leisen Kichern. „So, und jetzt lass´ uns nicht dumm sterben.“ Und jetzt klang er wieder ernst. „Was ist da passiert?“
Casim beantwortete die Frage mit einem Kinderreim:
Zwei Ding´ besiegen den Schwertmann
Seinesgleichen
Und alles, was er nicht sehen kann
„Das ist mir wieder eingefallen, als ich oben auf der Galerie im ´Schwarzen Kopf´ gestanden und nicht mehr weiter gewusst habe“, erzählte er seinen verblüfften Zuhörern. „Sammler können nur ein Ziel auf einmal mit dem Dritten Auge betrachten, nicht mehrere auf einmal, wie jeder normale Schwertmeister.“
Er streifte die Stütze ab, die die beiden anderen Caith im boten und tat einige unsichere Schritte auf die Böschung zu. Theatralisch breitete er die Arme aus. „Und da hatte ich plötzlich die Antwort!“
Kopfschüttelnd trat Alvin an seine Seite. „Es ist nicht schwer, darauf zu kommen, dass da etwas im Wasser war. Aber es ist eine bleigraue Fläche. Da konnte man doch keinen Fingerbreit weit rein schauen!“
Bedewer war nun an Casims anderer Seite und hob erklärend einen Finger. „Ein Drittes Auge kann Bewegungen auch durch einen Vorhang oder eine dünne Wand durch sehen. Großmutter Dana hat mir das mal erzählt.“ Er stupste Casim an und brummte: „Ich war neugierig, wie ihr berühmter Fächertrick geht.“
Alvin hatte ganz offensichtlich keine Geduld, irgendwelchen Frotzeleien zwischen den beiden zuzusehen, deren Hintergründe er ohnehin nicht kannte. „Also was war jetzt da unten?“
„Stachelrochen“, lautete die lapidare Antwort.
„Stachel- was?“
„Das sind Fische, die wie Pfannkuchen aussehen. Und hinten dran ist ein langer Schwanz mit einem giftigen Stachel.“
Der große bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen. „Oh, natürlich“, stöhnte er. „Der Tag, an dem Dich die Fischer nach Hause gebracht haben. Du hast geschrieen, als ob Dich einer angezündet hätte.“
Unwillkürlich wanderte Casims Hand zu seinem rechten Oberschenkel, wo unter dem Schutz eine winzige, runde haarlose Stelle von einer alten Narbe kündete. „Ja, der Schwanz ist dünner als ein Finger, aber er kann einen ausgewachsenen Mann durchbohren. Und das Gift erzeugt so unglaubliche Schmerzen, dass man überhaupt nichts anderes mehr wahrnimmt. Dieser Küstenstreifen hier“, eine ausholende Geste, „ist einer Göttin des Meeres heilig. Ich muss gestehen, dass ich ihren Namen nicht mehr weiß. Die Rochen sind so was wie ihre heiligen Tiere. Sie kommen bei Flut nah ans Land heran. Die Fischer stellen sich manchmal bei Nippflut ins Wasser und füttern sie. Und passen auf, sich nicht zu rühren, denn wenn man auf sie tritt…“ Ein Schlag gegen seinen Oberschenkel, „Nun, diese Lektion hab ich auf die harte Weise gelernt.“
Ein Schlag gegen seinen Hinterkopf, diesmal nicht von seiner eigenen Hand geführt. Alvin funkelte ihn wütend an. „Das hättest Du mir auch gleich sagen können. Ich fast gestorben vor Angst!“ Als abgesehen von einem verlegenen Husten keine Antwort kam, legten sich seine Ohren dicht an den Kopf. Energisch packte er seinen Bruder an den Schultern und drehte ihn zu sich.
„Was ist da noch? Spuck´s aus!“
Casim lächelte schief. Auch seine Ohren waren nun zurückgeklappt. Allerdings bei ihm aus Schuldbewusstsein. „Als Kalmes schon fort war, ist mir eingefallen, dass die Rochen nicht in jedem Monat zum Strand kommen. Ich wusste nicht mehr, ob das einer von den richtigen ist.“
Er fand sich auf dem Rücken wieder. Sein Kiefer schmerzte und die linke Schnauzenseite fühlte sich an, als ob sie in kürze sehr dick sein würde. Das erste, was er sah, als seine Augen wieder geradeaus schauen konnten, war Bedewer, der sich vor lachen kaum auf den Beinen halten konnte.
„Oh, Götter! Dein Bruder hat wirklich einen kräftigen Vorderflügel. Diese rechte hätte ich auch gespürt“, keuchte er. Schließlich reichte er ihm eine Hand, um ihm aufzuhelfen. Geduldig ertrug Casim das unkontrollierte Gekicher seines Cousins, als dieser ihm den Dreck von Kleidung und Fell klopfte. Knie und Fußgelenke wackelten noch bedenklich, und nach sprechen war ihm momentan nicht zumute.
Er sah sich um, wo sein Bruder abgeblieben war und entdeckte ihn, als dieser sich zu dem anderen Grymm ins Gras setzte. Vor ihnen lag ein sechs Fuß langes etwas, dass in eine Decke gehüllt war. Ganz sicher Nicos Leiche.
Um das Maß vollzumachen, wählten Kalmes und Feik ausgerechnet diesen Moment, um sich zu ihnen zu gesellen. Beide hatten offizielle Mienen aufgesetzt. Ein schlechter Geschmack löste den von Blut in seinem Mund ab und Casim spie ungeniert vor den beiden aus.
Beide Fay wechselten einen Blick miteinander und Feik bedeutete seinem Kollegen, zu beginnen.
„Es ist bedauerlich“, begann der rote Fay, „welch tragisches Ende dieser Kampf genommen hat. Eine so eindeutige Entscheidung hat sich niemand von uns…“
„Halten Sie die Klappe!“, fiel Casim dem Fay barsch ins Wort. „Der Sieg in diesem Vergleich geht an Kaltfels. Sein Schwert hat mich zuerst verletzt.“ Und deutete auf die Bandage an seinem linken Arm.
Ein Unterkiefer klappte hörbar zu. Zwei andere fielen herunter. Und Bedewers Hand, die auf Casims Schulter gelegen hatte, drückte nun zu. Schmerzhaft. Ganz sicher rang er um das bisschen Selbstbeherrschung, das nötig war, um seinen Cousin nicht auch zu Boden zu strecken. Zwischen die Stöße heißer Atemluft, die an seinem Ohr vorbeizischten, mischten sich Worte: „Du sturer, verlauster, räudiger, hirnverbrannter, dickschädeliger…“ Dann verstummte er und fing jäh an, zu lachen. „Du lässt Dir von niemandem was schenken, hä?“
„Sie haben es gehört“, fuhr er die Amtmänner an, die immer noch nicht aus ihrer Erstarrung erwacht waren. „Gehen Sie uns aus den Augen und erzählen Sie´s dem Zunftrat: Meister Steinbach schmeißt seinen großen Sieg den Donnerbalken hinunter.“
Irgendwie brachte er es fertig, die beiden loszuwerden ohne sie über Gebühr zu beleidigen. Er half ihnen sogar, Nicos Leiche auf dessen Tier festzubinden. Im Anbetracht des langsam schwächer werdenden Tageslichts bereitete er alles für einen baldigen Abritt vor, gesellte sich aber wieder zu Casim, um mit ihm zusammen die versinkende Sonne zu betrachten.
Alvin kam zurück. Seine rechte Hand hielt er in einer etwas merkwürdigen Haltung gegen seinen Magen, mit der linken zog er ein sandfarbenes Häufchen Elend hinter sich her. „Leute, ich möchte Euch jemanden vorstellen, der gerne in Nordwind lernen würde.“
*****
Bedewer ließ sich etwas zurückfallen und gab Casim einen Wink, es ihm gleichzutun. Breit feixend blickte er seinem vorausreitenden Cousin und dem Grymm nach. „Oooooch, ist das nicht niedlich? Der kleine hat sich ein Wölfchen angelacht!“ Sein Grinsen, das praktisch von Ohr zu Ohr reichte, wurde für einen Moment erschüttert, als sich ihm ein Ellbogen in die Seite bohrte.
Casims Ohren hatten sich fast angelegt, aber es war ihm anzusehen, dass er mit einem Lächeln rang. „Jetzt halt mal die Luft an. Nicht jeder hier ist so wie Du.“
„Du kannst sagen, was Du willst“, entgegnete Bedewer. „Aber ich wette zehn Silber, dass wir die beiden in spätestens einer Woche zusammen im Bett erwischen.“
Darüber dachte Casim nicht einmal einen Herzschlag nach. „Angenommen! Gerade weil ich weiß, dass Alvin nicht alles ins Bett zerrt, das nicht bei ´drei´ unter einen Stein gekrochen ist. So wie jemand anderes, den ich kenne. „ Diesen Satz lies er einen Moment einwirken, bevor er hinzufügte: „Es dauert mindestens zwei Wochen.“
ENDE
Category Story / General Furry Art
Species Mammal (Other)
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