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Bevor wir beginnen, noch ein kleiner Hinweis: Die Story und alle darin vorkommenden Charaktere und Orte sind mein geistiges Eigentum. Bitte stellt keinen Unsinn damit an.
Markttag in Neuhafen. Das bedeutete voll gepfropfte Straßen und Plätze, die in ihrer Lebhaftigkeit an die Versammlungsstätten von Aufständigen erinnerten.
Sidhe, Sprigan, Fay und Vertreter anderer Arten tummelten sich in kunterbunt zusammen gewürfelten Gruppen. Es wurde gehandelt, gestritten, geflucht und –vor allem- gedrängelt. Wer hier unterwegs war, musste sich mit damit abfinden, kaum schneller als eine Schildkröte voran zu kommen.
Ausnahmen schienen auch hier die Regel zu bestätigen. Wie ein weißer Haarschopf, der mit bemerkenswerter Geschwindigkeit durch die Massen tanzte. Ja, „tanzen“ war ein guter Vergleich, wie er wieselflink um die Leute seiner Umgebung herumflitzte, jede noch so kleine Lücke im Gewühl erspähend und augenblicklich ausnutzend.
Unter dem struppigen, weißen Haar befand sich ein Caith Sidhe, oder Katzer, wie der Volksmund sie nannte. Ein Hochländer, um genau zu sein. Erkenntlich war das an der Farbe seines Fells, das einfarbig grau war, mit Ausnahme des Brustfells, das so weiß war wie die Mähne. Er war einfach gekleidet: Eine lederne Weste und eine ebensolche Hose, die knapp über den Knien endete. Was als einziges auffiel, war, dass er an einem Markttag keine Geldbörse bei sich trug.
Augen, die imstande gewesen wären, mehr zu sehen, als die körperliche Welt, wäre das rote Leuchten vor seiner Stirn aufgefallen. Ein ellipsenförmiges, hochkant stehendes Glühen, das an ein Auge erinnerte.
Drittes Auge wurde es genannt. Es ermöglichte dem Caith eine besondere Form des Sehens. Mit seiner Hilfe erfasste er die Wanderungen der Leute in seinem Sichtfeld und erkannte ihre nächsten Bewegungen im Voraus. So steuerte er Lücken im Gedränge an, die sich erst in einem Augenblick bilden würden. Es war Magie einer besonderen, seltenen Art. Und die, die sie beherrschten, nannte man Schwertmeister.
Im Kielwasser des weißhaarigen folgte ein weiterer Caith. Etwas zarter gebaut als der Vorauseilende und mit nussbraunem Fell, ein Flachländer vom Festland. Ähnlich gekleidet wie der andere und ebenfalls ohne Börse unterwegs. Seine Fortbewegungsweise war erheblich weniger elegant, dafür setzte er seine Ellbogen und einen gelegentlichen Stups mit einer ausgefahrenen Kralle umso vehementer ein, um Schritt halten zu können. Mit dem schweren Bündel auf seinem Rücken musste ihm das schwer fallen.
Das Duo überquerte den Großen Platz und bestieg die Stufen, die hinauf zum Rathaustor führten. Der weißhaarige nickte dem Wärter zu, der sich neben dem offenen Tor gelangweilt an die Wand lehnte, und betrat den nächsten Hexenkessel.
Markttag im Hochland, das bedeutete zwangsläufig auch jede beliebige Menge an Streitigkeiten, von denen ebenso zwangsläufig ein Gutteil vor den Schlichtern landete, die in der großen Eingangshalle des Rathauses ihrem Dienst versahen.
Hier waren die Möglichkeiten, sich zwischen den Leibern hindurch zu quetschen, erschöpft. Wer von hier aus weiter wollte, musste irgendwie an einen Amtmann herankommen, wofür man besser etwas Zeit einplanen sollte.
Oder Frechheit. Der weißhaarige jedenfalls brachte aus einer Innentasche seiner Weste eine goldene Anstecknadel zum Vorschein, die er an der linken Brustseite derselben befestigte. Dann langte er durch die Luke ins Pförtnerhäuschen und schnappte dem verdutzten Pförtner blitzschnell die Glocke vom Schreibtisch weg. Diese laut bimmeln lassend, ging er nun mitten in die Halle, in der nach und nach die Gespräche verstummten und sich erfreulicherweise eine Gasse bildete.
Augen richteten sich auf das Duo. Die Blicke wanderten über die Katzengesichter der beiden, wurden schließlich von der blitzenden Nadel des weißhaarigen eingefangen und von dort zu seinem Gürtel weitergeleitet. Eine Kordel war dort befestigt, wie sie nahezu jeder der Anwesenden an der gleichen Stelle trug.
Die Anstecknadel hatte die Form eines kleinen, zweischneidigen Schwertes, um das ein Seil geknotet war. Die Farben der Kordel waren blau und weiß.
Jetzt wurden die Gespräche wieder aufgenommen. Wesentlich leiser und meist über die Schulter geführt, mit denen, die nicht genau sehen konnten, was da in der immer größer werdenden Gasse vor sich ging.
Zwei Worte wurden dabei immer wieder benutzt: „Schwertmeister“ und „Steinbach“.
Der weißhaarige ließ die Glocke noch einige Herzschläge lang weiterlärmen, ehe er sie dem Pförtner zurückgab. Erwartungsvoll blickte er hinauf zur Galerie, auf der sich in diesem Moment eine Tür öffnete. Ein Amtmann hastete mit wehenden, schwarzen Roben hinaus und auf die Treppe zu.
„Bleiben Sie, wo Sie sind, Kalmes“, rief der weißhaarige dem Amtmann zu, „wir kommen hoch zu Ihnen.“
Ungeduldig von einem auf das andere Bein trippelnd, wartete der Amtmann, ein fuchsköpfiger, roter Fay, bis die beiden gemessenen Schrittes die geschwungene Steintreppe erklommen hatten. Dann komplimentierte er sie durch die schon erwähnte Tür.
Eine dämmerige kleine Schreibstube lag dahinter. Mit Regalen und Dokumentenstapeln fast vollständig ausgefüllt. Und von Weihrauch, der von einem kleinen Altar in der Ecke aufstieg, in stechend riechende Nebelschwaden gehüllt.
Kalmes ignorierte das Niesen seiner Gäste und huschte zu einem Stehpult, von dem er einen eng beschriebenen Zettel fischte, um einen kurzen Blick darauf zu werfen.
„Sie müssen meine Verwirrung verstehen, Meister Casim. Wir hatten eigentlich Meister Dana erwartet.“
Der weißhaarige fuhr sich mit der Hand über die Nase und räusperte sich, ein weiteres Niesen unterdrückend. „Großmutter lässt sich entschuldigen. Ein Ehrenhandel zwang sie dazu, von diesem Vergleich zurückzutreten. Als designierter Schwertmeister von Steinbach fällt die Aufgabe damit mir zu.“
„Gofann Schwarzdorn hat ein Entscheidungsduell verlangt“, ergänzte der andere Caith.
„So hat sein Stolz also endgültig den Sieg über seine Intelligenz davongetragen“, seufzte Kalmes. Er drehte sich für einen Moment in Richtung des Altars. „Friede seiner Asche. Vielleicht hat diese unselige Fehde zwischen euren Sippen damit endlich ihr Ende gefunden.“
Ein zweistimmiges Schnauben und zwei Paar angelegte Ohren gaben ihm Auskunft, wie wahrscheinlich diese Annahme war. Ein weiteres Seufzen. Dann straffte er seine Haltung und setzte einen offizielleren Gesichtsausdruck auf. „Sie sind mit den Einzelheiten des Falls vertraut?“
„Leider nein“, brummte Casim. Das war ihm ganz offensichtlich unangenehm. „Ich habe Großmutter sehr knapp verpasst. Ihre Nachricht war genauso. Sie schrieb nur, dass ich mich an Sie wenden soll.“
Kalmes nickte und ging zurück zu seinem Pult, um einen Blick auf ein anderes Dokument zu werfen. Eigentlich war das nicht nötig, er hatte alle Einzelheiten im Kopf. Doch er nutzte die Pause, um seine Gedanken zu ordnen und sich schon einige gedankliche Notizen zu einem möglichen Problem zu machen, das nun drohend über ihm schwebte. Der unerwartete Ausfall von Meister Dana brachte eine todsicher geglaubte Angelegenheit ins wanken.
„Sie sind vertraut mit dem Streit der Fischer von Neuhafen und Kaltfels über die Fangrechte vor dem Achtmeilenriff?“
Casim kniff die Augen zusammen und senkte den Kopf, zusammen mit den Ohren. Oh, Junge! „Wer ist damit nicht vertraut?“, rief er. „Das geht nun schon seit Jahren hin und her. Wieso hat sich Großmutter da mit reinziehen lassen?“
„Die Zunfträte beider Städte konnten einen Kompromiss erwirken.“ Kalmes hob schnell eine Hand und kam dem sarkastischen Kommentar zuvor, der Casim bereits auf der Zunge lag. „Fragen Sie mich nicht, wie das zustande kam. Ich will es nicht wissen. Die Vereinbarung über Fangzeiten und –Gebiete geht jedenfalls über 30 Seiten.“ Ein Räuspern. „Es gibt nur noch eine Unstimmigkeit über die Muschelbänke.“
Ein lautes Schnauben. Casim warf die Hände Richtung Decke. „Daran hat sich der ganze, elende Ärger doch überhaupt erst entzündet! Soll das heißen, ihr habt jahrelang verhandelt, um 30 Seiten zu füllen, die ihr schon morgen wieder ins Feuer werfen könnt?“
Ein pikiertes Stirnrunzeln ging Kalmes Entgegnung voraus. „Zum einen haben nicht wir verhandelt, sondern der Zunftrat. Und zum anderen hat sich auch dafür eine Lösung gefunden.“
Als wäre er ein Regisseur, der vom Bühnenrand aus Anweisungen geben würde, schaute er den Caith erwartungsvoll an und machte eine auffordernde Handbewegung.
Casim wechselte einen Blick mit seinem Begleiter und stellte mühsam seine Ohren wieder auf. „Wissen Sie Kalmes, bis zu diesem Moment hatte ich gehofft, es ginge nur um einen kleinen Ehrenhandel: Zwei Zunfträte sind aneinander geraten und lassen die Sache von zwei Schwertmeistern als Vertreter austragen, weil sie während der Verhandlungen die Waffenruhe einhalten müssen. Und jetzt erzählen Sie mir, dass ich praktisch die Ehre der Stadt verteidigen muss.“
Ohren und Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. Eine Winzigkeit der Reißzähne wurde sichtbar, um es entsprechend sarkastisch zu färben. „Sind wir für solch eine Großtat nicht etwas zu inoffiziell unterwegs?“
Casims Ohren hatten sich gehoben, Kalmes´ senkten sich. Seine Stimme färbte der aufkommende Ärger. „Das soll auch gar nicht offiziell werden. Dieses Duell…“
„… Dieses Gottesurteil wie zu Gründerzeiten!“, rief der zweite Caith dazwischen, der scheinbar teilnahmslos an einem Regal gelehnt hatte.
„Dieses Gottesurteil –danke, Herr Alvin!- ist hinter verschlossenen Türen ausgehandelt worden, weil keiner der Räte noch weitergewusst hat. Und der Vertrag soll noch vor Beginn der neuen Fangzeit unterzeichnet werden, sonst wird es diesmal mit Sicherheit Tote geben. Und dann ist alles jenseits jeder Verhandlung.“
„Egal wie das Duell ausgeht, morgen werden die Räte also verkünden, dass eine Einigung erzielt wurde“, sagte Alvin, der seinen Platz im Hintergrund aufgab und sich neben Casim stellte. „Und jetzt läuft Ihnen der Arsch auf Grundeis, weil Großmutter abgesagt hat.“
Unter Kalmes´ Gesichtsfell breitete sich leichte Röte aus. Teils aus Verlegenheit, so leicht durchschaut worden zu sein, teils aus Verärgerung über den unverschämten Ton des (immerhin nur adoptierten) Steinbachsohns. Das rote Fell auf seinem buschigen Schwanz sträubte sich noch ein wenig mehr, als er eine scharfe Retourkutsche vorbereitete.
„lass gut sein, ´Vin. Ich bin mir sicher, dass Kalmes vollstes Vertrauen in meine Fähigkeiten hat.“ Casim drückte sich an dem überraschten Amtmann vorbei und trat an den Altar. Sein Verhalten hatte sich auf verblüffende Weise geändert. Er wirkte nun in sich gekehrt, fast geistesabwesend. Mit großer Sorgfalt, als würde er sich nur auf diese Bewegung konzentrieren, ließ er ein paar Brocken Harz in die Räucherschale fallen.
„Gibt es Vereinbarungen über die Art des Duells?“
Er hat angenommen. Kalmes verkniff sich ein Aufatmen. Dieses Verhalten war bei Schwertmeistern weit verbreitet, die sich gedanklich auf ein Duell vorbereiteten.
„Wie sie bereits wissen, soll es noch heute stattfinden. Das Los für die Austragungsart fiel Kaltfels zu. Sie haben sich für einen Kampf bis zur ersten Verletzung entschieden, ohne die Möglichkeit, das Duell vorzeitig durch Aufgabe zu beenden.“
Ein scharfes Einatmen Alvins war der einzige Kommentar dazu. Kalmes musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass die Ohren des nussbraunen Caith nun dicht am Kopf anlagen. „Damit dürfen Sie die genaue Tageszeit und den Ort bestimmen.“
Einige Augenblicke der Stille vergingen. Dann nickte Casim wie als Reaktion auf eine innere Stimme. „Ich entscheide mich, wenn ich meinen Gegner gesehen habe. Wissen Sie etwas über ihn oder sie?“
„Leider so gut wie nichts“, antwortete Kalmes, was einen weiteren Zischlaut von Alvins Seite auslöste. „Er ist ein Grymm, heißt Nicos und soll in Westwind gelernt haben.“
„Absolventen von Westwind sind als unkonventionell bekannt. Schwer berechenbare Gegner.“ Casim wandte sich vom Altar ab und steuerte die Tür an. „Sehen wir uns den Jungen einmal an.“
Alvin bedeutete seinem Bruder, voraus zu gehen. Doch kaum hatte dieser den Raum verlassen, packte Alvin Kalmes, der dem Schwertmeister folgen wollte, vorne an der Robe.
Kalmes war groß für einen Fay. Mit fünf Fuß und zwei Zoll Körpergröße überragte er Alvin und dessen gleich großen Bruder um rund sechs Zoll. Doch der schlanke Caith drückte ihm mit der überraschenden Kraft seiner Art mühelos gegen ein Regal.
„Ich an Ihrer Stelle wäre froh, dass ich hier stehe und nicht Cousin Bedewer. Er hätte Ihnen die Ohren abgerissen“, zischte Alvin seinem Gegenüber zu.
Ich weiß, dass Sie an diesem Schlamassel am wenigsten schuld sind“, fuhr Alvin fort. „Deshalb haben Sie vor mir nichts zu befürchten, aber Sie können dem Rat ausrichten, dass die Sippe Steinbach Satisfaktion verlangen wird, sollte meinem Bruder etwas zustoßen.“
„Und glotzen Sie mich nicht so von oben herab an“, fuhr er den Fay an und verpasste ihm einen Stoß vor die Brust. „Ich habe keinen Tropfen Steinbachblut in meinen Adern, aber ich bin der Sohn der Matriarchin und darf in ihrem Namen sprechen. Sie nehmen das, was ich gesagt habe, besser für bare Münze!“
Er konnte Casim von draußen rufen hören, also ließ er von Kalmes ab und folgte seinem Bruder, den Fay dicht auf den Fersen, der sichtlich um Fassung bemüht war.
Ebenso wie Alvin, der nicht glauben konnte, wie sehr er eben die Beherrschung verloren hatte. Dieser Konflikt zwischen ihm und dem Amtmann schwelte nun schon eine Weile. Und der heutige Vorfall würde alles nur noch schlimmer machen. Dabei sollte er sich besser um seinen Bruder kümmern, der sich, wie so oft, wieder einmal in eine Sache gestürzt hatte, ohne groß darüber nachzudenken.
Und diese Sache stank. Nicht nur nach den Absprachen hinter verschlossenen Türen und verhängten Fenstern. Sondern nach enormen Wetteinsätzen. Und das war der Punkt, an dem es immer ekelhaft wurde. Alvin wünschte sich nichts so sehr, als das Großmutter Dana hier gewesen wäre. Sie hätte gewusst, wie man mit dieser Situation am besten umgehen sollte. Sie hätte nicht zugesagt, bevor sie ihren Gegner gesehen hätte.
Und sie hätte den Zunftrat bestimmt nicht mit einer möglichen Fehde bedroht, überkam es Alvin mit glasklarer Gewissheit. Was die Dummheit, die er in der kleinen Amtsstube begangen hatte, noch beschämender machte. Es bereitete ihm fast körperliche Schmerzen, seine Ohren aufrecht zu halten.
Casim mochte zwar aussehen, als würde er seiner Umgebung kaum Aufmerksamkeit schenken, aber er war nicht taub. Sein Bruder war nicht annähernd leise genug gewesen. Jeder, der zufällig vorbeigekommen wäre, hätte es hören können.
Er war in seinen Gefühlen hin und her gerissen. Einerseits wollte er Alvin dafür auf die Schulter klopfen, die sanftmütige Fassade einmal fallen gelassen und dem Fay die Zähne gezeigt zu haben. Andererseits wollte er ihm einen Schlag auf den Hinterkopf verpassen. Möglicherweise mehr als einen. Schön und gut, dass der kleine sich so um ihn sorgte. Aber jetzt musste er sich darum kümmern, dass Kalmes die Drohung, die Alvin ausgesprochen hatte, für sich behielt. Zum Wohle aller, besonders seiner Mutter, die einen Schreikrampf bekommen würde.
Niemand musste ihm sagen, wohin er zu gehen hatte. Besondere Gäste des Stadt- oder Zunftrates wurden immer im „Schwarzen Kopf“ untergebracht, dem besten Gasthaus Neuhafens. Er legte ein ähnlich flottes Tempo vor wie bei seiner Ankunft, was seinen Verfolgern alles abverlangte, um mit ihm Schritt zu halten. So hatten sie wenigstens keine Zeit, sich gegenseitig anzugiften.
Er umrundete den zweistöckigen Kalksteinbau, der den „Schwarzen Kopf“ beherbergte und zog einen Schlüssel aus seiner Weste. Knapp ein Drittel der Betriebsanteile gehörten seiner Sippe, so war es nicht völlig verwunderlich, dass er einen Schlüssel für die Hintertür besaß (auch wenn der wahre Grund darin bestand, dass er sich in einer der Dachkammern ein Liebesnest eingerichtet hatte).
Mit einer eleganten Geste ließ Casim Alvin und Kalmes den Vortritt, betrat ebenfalls das Haus und schloss hinter sich wieder ab. Beifällig nahm er zur Kenntnis, dass in dem Korridor, in denen sie sich nun befanden, außer ihnen niemand anwesend war. Dann griff er beherzt nach seinen Begleitern, die sich kurz darauf gegen die Wand gedrückt fanden, in ähnlicher Weise, wie es Alvin vor kurzem mit Kalmes gemacht hatte.
„Hört zu, ihr Komiker“, sprach er sie an, jeden Versuch eines Protestes durch härteres Zugreifen unterbindend. „Ich kann die Sorgen, die ihr mir macht, im Augenblick nicht gebrauchen, also klären wir das jetzt.“
„Sie“, wandte er sich an Kalmes, „steigen von Ihrem hohen Ross herunter. Ihre Familie zu viele dunkle Flecken auf der Ahnentafel, um über ein Adoptivkind die Nase rümpfen zu dürfen. Und sollte auch nur ein Wort über die Unterhaltung, die Sie mit meinem Bruder geführt haben, zu mir durchdringen, weiß ich, an wen ich mich wenden muss. Haben Sie mich verstanden?“ Ein widerstrebendes Nicken des Fays war die Antwort. Das genügte Casim vorerst. Blieb noch der andere.
„Und Du, ´Vin“, rief er Alvin zu, seinen Griff verstärkend, „Wenn ich noch mal so einen Schwachsinn von Dir höre, wasch ich Dir den Mund mit Seife aus. Bedewer hätte Dir das Fell gegerbt, nur so nebenbei erwähnt.“
Dann ließ er die beiden los und setzte ein liebenswürdigeres Gesicht auf. „Und nun, da wir uns alle wieder so großartig vertragen, würde ich gerne diesen Nicos sehen. Wo finde ich ihn?“
„Im Innenhof“, schnaufte Kalmes, der seine Roben nun schon zum zweiten mal an diesem Vormittag ordnete. Er vermied es, in Alvins Richtung zu sehen und der nussbraune Caith hielt es umgekehrt genau so. „Er wollte noch trainieren, hat man mir gesagt.“
„Wahrscheinlich will er eher die Schankfrauen beeindrucken“, murmelte Casim und schmunzelte. „Von der Galerie aus kann ich ihn mir wenigstens gut ansehen.“
Und es war eine Menge von ihm zu sehen. Fast sechs Fuß groß, breitschultrig, grau-schwarzes Fell und ein Wolfskopf mit einem geradezu klassischen Profil. Ein Grymm wie aus einer Buchillustration. Dazu passend, trug er ein locker sitzendes weißes Hemd und enge, sehr enge schwarze Lederhosen, die über den Knien endeten. Er hielt ein leicht gekrümmtes Langschwert in Händen, mit dem er sich durch ein paar Grundformen der Schwertkunst bewegte.
Der Aufzug hätte schon gereicht, um Casim zu verraten, dass „Training“ nur einen geringen Anteil der Vorstellung da unten ausmachte. Die übertrieben elegante Art, mit der der Grymm durch eine Reihe besonders schön anzusehender Bewegungsfolgen ging, machte daraus eine Gewissheit.
Seinem Publikum schien es zu gefallen. Nahezu das gesamte weibliche Personal (und einige Angehörige des männlichen Teils) hatten sich um den Hof verteilt und schmachteten den exotischen Schwertmeister an.
Casim war enttäuscht. Ein ernsthafteres Training hätte ihm etwas über seinen Gegner verraten können. Aber dieser Balztanz machte seine Anwesenheit hier zu einer reinen Zeitverschwendung.
Nicos machte eine Pause und nahm einen Schluck aus einem Krug, der ihm gereicht wurde. Casims Zeichen zum Aufbruch. Er stieß sich von der Brüstung ab und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Sein Bruder blieb noch einen Augenblick. Die Ellbogen auf die Brüstung und den Kopf in die Handflächen gestützt, beobachtete er die Szene im Hof mit spöttischem Interesse.
„Ich hätte Wetten darauf abschließen sollen, dass er sein Hemd auszieht“, seufzte er. „Was sagt man dazu. Der Spinner hat sich Muster ins Fell rasiert.“ Diese letzte Bemerkung lies Casim in der Bewegung erstarren.
Mit einem Sprung war er zurück auf seinem Beobachtungsposten und starrte in den Hof hinunter. Tatsächlich, haarlose Linien zogen sich durch das cremfarbene Brustfell des Grymms und bildeten Ornamente. Acht an der Zahl.
Alvin, dessen Aufmerksamkeit nun völlig auf seinen Bruder konzentriert war, konnte sehen, dass Casims Ohren teilweise unter der Mähne verschwanden, so eng legten sie sich an dessen Kopf an. Sein Schwanz hing wie leblos herab, nicht einmal die Spitze zitterte mehr.
Das war mehr als nur Erschrecken. Tiefes Entsetzen traf es schon eher.
„´Sim, was ist los“, flüsterte er ihm zu. „Was ist so besonders an ein paar merkwürdigen Rasuren?“
„Sieh genauer hin“, kam Casims tonlose Antwort. „Das sind keine Rasuren. Das sind Narben.“
„Narben.“
„Trophäen, um genau zu sein. Kerle wie ihn hab ich auch in Nordwind gesehen. Wir haben alle einen großen Bogen um die gemacht.“
„Und diese Trophäen stehen für….“ Eigentlich wollte Alvin die Antwort gar nicht hören. Er konnte es sich auch so denken.
Der weißhaarige Caith musste schlucken. Sein Mund war plötzlich sehr trocken geworden. „Jedes Ornament steht für einen toten Schwertmeister. Diese Bastarde nennt man Sammler. Ihr Drittes Auge ist auf Duelle spezialisiert. Sie kämpfen nicht für Geld oder Ehre. Nur für große Namen, die sie sich in die Brust schneiden können.“
Nun war es ausgesprochen. Und Alvin wusste, dass sein Bruder in großen Schwierigkeiten war. Es war für einen Schwertmeister möglich, sein Drittes Auge ausschließlich auf Zweikämpfe zu trainieren. Er gab damit seinen größten Vorteil auf, nämlich fünf oder sechs Gegner gleichzeitig bekämpfen zu können. Aber in Mann-Gegen-Mann-Kämpfen wurde er dadurch fast unbesiegbar. Selbst für andere Schwertmeister.
„Kein Wunder, dass auf einen Kampf bis zur ersten Verletzung bestanden wurde“, fauchte Casim, der sich nun endgültig entfernte. „Das hat er dem Rat von Kaltfels eingeredet. Es kann schon vorkommen, dass eine Wunde zu tief geht. Unfälle passieren.“ Er hätte ausgespieen, wenn sich noch Speichel in seinem Mund befunden hätte. Diesmal hatte er sich tief reingeritten. Einen ähnlichen Gedanken sprach er aus.
„Benutz endlich mal Deinen Kopf, ´Sim!“, fuhr Alvin ihn an. „Noch ist nichts schriftlich fixiert. Und es gibt nur zwei Zeugen für deine mündliche Zusage.“
Das ließ Kalmes, der sich abseits gehalten hatte, und dem anzusehen war, dass er lieber woanders wäre, zusammenzucken.
Blicke wurden aus Casims Augen verschossen. Ein wütender traf Alvin und ließ diesen den Kiefer mit einem deutlichen Geräusch zuklappen. Und ein genervter wurde auf Kalmes geworfen. „Jetzt regen Sie sich ab. Niemand wird Sie in den Fluss werfen. Und jetzt kommen Sie her. Ich beende diese Sache.“
Den Göttern sei Dank, ich habe seinen Verstand letztendlich doch noch zum Laufen gebracht. Erleichterung ließ Alvins Knie weich werden. Gehen wir also wieder nach…
„Ich teile Ihnen nun Tageszeit und Ort für den Kampf mit.“
„WAS?!“
******
Ende Teil 1
Bevor wir beginnen, noch ein kleiner Hinweis: Die Story und alle darin vorkommenden Charaktere und Orte sind mein geistiges Eigentum. Bitte stellt keinen Unsinn damit an.
Kampf der MöglichkeitenMarkttag in Neuhafen. Das bedeutete voll gepfropfte Straßen und Plätze, die in ihrer Lebhaftigkeit an die Versammlungsstätten von Aufständigen erinnerten.
Sidhe, Sprigan, Fay und Vertreter anderer Arten tummelten sich in kunterbunt zusammen gewürfelten Gruppen. Es wurde gehandelt, gestritten, geflucht und –vor allem- gedrängelt. Wer hier unterwegs war, musste sich mit damit abfinden, kaum schneller als eine Schildkröte voran zu kommen.
Ausnahmen schienen auch hier die Regel zu bestätigen. Wie ein weißer Haarschopf, der mit bemerkenswerter Geschwindigkeit durch die Massen tanzte. Ja, „tanzen“ war ein guter Vergleich, wie er wieselflink um die Leute seiner Umgebung herumflitzte, jede noch so kleine Lücke im Gewühl erspähend und augenblicklich ausnutzend.
Unter dem struppigen, weißen Haar befand sich ein Caith Sidhe, oder Katzer, wie der Volksmund sie nannte. Ein Hochländer, um genau zu sein. Erkenntlich war das an der Farbe seines Fells, das einfarbig grau war, mit Ausnahme des Brustfells, das so weiß war wie die Mähne. Er war einfach gekleidet: Eine lederne Weste und eine ebensolche Hose, die knapp über den Knien endete. Was als einziges auffiel, war, dass er an einem Markttag keine Geldbörse bei sich trug.
Augen, die imstande gewesen wären, mehr zu sehen, als die körperliche Welt, wäre das rote Leuchten vor seiner Stirn aufgefallen. Ein ellipsenförmiges, hochkant stehendes Glühen, das an ein Auge erinnerte.
Drittes Auge wurde es genannt. Es ermöglichte dem Caith eine besondere Form des Sehens. Mit seiner Hilfe erfasste er die Wanderungen der Leute in seinem Sichtfeld und erkannte ihre nächsten Bewegungen im Voraus. So steuerte er Lücken im Gedränge an, die sich erst in einem Augenblick bilden würden. Es war Magie einer besonderen, seltenen Art. Und die, die sie beherrschten, nannte man Schwertmeister.
Im Kielwasser des weißhaarigen folgte ein weiterer Caith. Etwas zarter gebaut als der Vorauseilende und mit nussbraunem Fell, ein Flachländer vom Festland. Ähnlich gekleidet wie der andere und ebenfalls ohne Börse unterwegs. Seine Fortbewegungsweise war erheblich weniger elegant, dafür setzte er seine Ellbogen und einen gelegentlichen Stups mit einer ausgefahrenen Kralle umso vehementer ein, um Schritt halten zu können. Mit dem schweren Bündel auf seinem Rücken musste ihm das schwer fallen.
Das Duo überquerte den Großen Platz und bestieg die Stufen, die hinauf zum Rathaustor führten. Der weißhaarige nickte dem Wärter zu, der sich neben dem offenen Tor gelangweilt an die Wand lehnte, und betrat den nächsten Hexenkessel.
Markttag im Hochland, das bedeutete zwangsläufig auch jede beliebige Menge an Streitigkeiten, von denen ebenso zwangsläufig ein Gutteil vor den Schlichtern landete, die in der großen Eingangshalle des Rathauses ihrem Dienst versahen.
Hier waren die Möglichkeiten, sich zwischen den Leibern hindurch zu quetschen, erschöpft. Wer von hier aus weiter wollte, musste irgendwie an einen Amtmann herankommen, wofür man besser etwas Zeit einplanen sollte.
Oder Frechheit. Der weißhaarige jedenfalls brachte aus einer Innentasche seiner Weste eine goldene Anstecknadel zum Vorschein, die er an der linken Brustseite derselben befestigte. Dann langte er durch die Luke ins Pförtnerhäuschen und schnappte dem verdutzten Pförtner blitzschnell die Glocke vom Schreibtisch weg. Diese laut bimmeln lassend, ging er nun mitten in die Halle, in der nach und nach die Gespräche verstummten und sich erfreulicherweise eine Gasse bildete.
Augen richteten sich auf das Duo. Die Blicke wanderten über die Katzengesichter der beiden, wurden schließlich von der blitzenden Nadel des weißhaarigen eingefangen und von dort zu seinem Gürtel weitergeleitet. Eine Kordel war dort befestigt, wie sie nahezu jeder der Anwesenden an der gleichen Stelle trug.
Die Anstecknadel hatte die Form eines kleinen, zweischneidigen Schwertes, um das ein Seil geknotet war. Die Farben der Kordel waren blau und weiß.
Jetzt wurden die Gespräche wieder aufgenommen. Wesentlich leiser und meist über die Schulter geführt, mit denen, die nicht genau sehen konnten, was da in der immer größer werdenden Gasse vor sich ging.
Zwei Worte wurden dabei immer wieder benutzt: „Schwertmeister“ und „Steinbach“.
Der weißhaarige ließ die Glocke noch einige Herzschläge lang weiterlärmen, ehe er sie dem Pförtner zurückgab. Erwartungsvoll blickte er hinauf zur Galerie, auf der sich in diesem Moment eine Tür öffnete. Ein Amtmann hastete mit wehenden, schwarzen Roben hinaus und auf die Treppe zu.
„Bleiben Sie, wo Sie sind, Kalmes“, rief der weißhaarige dem Amtmann zu, „wir kommen hoch zu Ihnen.“
Ungeduldig von einem auf das andere Bein trippelnd, wartete der Amtmann, ein fuchsköpfiger, roter Fay, bis die beiden gemessenen Schrittes die geschwungene Steintreppe erklommen hatten. Dann komplimentierte er sie durch die schon erwähnte Tür.
Eine dämmerige kleine Schreibstube lag dahinter. Mit Regalen und Dokumentenstapeln fast vollständig ausgefüllt. Und von Weihrauch, der von einem kleinen Altar in der Ecke aufstieg, in stechend riechende Nebelschwaden gehüllt.
Kalmes ignorierte das Niesen seiner Gäste und huschte zu einem Stehpult, von dem er einen eng beschriebenen Zettel fischte, um einen kurzen Blick darauf zu werfen.
„Sie müssen meine Verwirrung verstehen, Meister Casim. Wir hatten eigentlich Meister Dana erwartet.“
Der weißhaarige fuhr sich mit der Hand über die Nase und räusperte sich, ein weiteres Niesen unterdrückend. „Großmutter lässt sich entschuldigen. Ein Ehrenhandel zwang sie dazu, von diesem Vergleich zurückzutreten. Als designierter Schwertmeister von Steinbach fällt die Aufgabe damit mir zu.“
„Gofann Schwarzdorn hat ein Entscheidungsduell verlangt“, ergänzte der andere Caith.
„So hat sein Stolz also endgültig den Sieg über seine Intelligenz davongetragen“, seufzte Kalmes. Er drehte sich für einen Moment in Richtung des Altars. „Friede seiner Asche. Vielleicht hat diese unselige Fehde zwischen euren Sippen damit endlich ihr Ende gefunden.“
Ein zweistimmiges Schnauben und zwei Paar angelegte Ohren gaben ihm Auskunft, wie wahrscheinlich diese Annahme war. Ein weiteres Seufzen. Dann straffte er seine Haltung und setzte einen offizielleren Gesichtsausdruck auf. „Sie sind mit den Einzelheiten des Falls vertraut?“
„Leider nein“, brummte Casim. Das war ihm ganz offensichtlich unangenehm. „Ich habe Großmutter sehr knapp verpasst. Ihre Nachricht war genauso. Sie schrieb nur, dass ich mich an Sie wenden soll.“
Kalmes nickte und ging zurück zu seinem Pult, um einen Blick auf ein anderes Dokument zu werfen. Eigentlich war das nicht nötig, er hatte alle Einzelheiten im Kopf. Doch er nutzte die Pause, um seine Gedanken zu ordnen und sich schon einige gedankliche Notizen zu einem möglichen Problem zu machen, das nun drohend über ihm schwebte. Der unerwartete Ausfall von Meister Dana brachte eine todsicher geglaubte Angelegenheit ins wanken.
„Sie sind vertraut mit dem Streit der Fischer von Neuhafen und Kaltfels über die Fangrechte vor dem Achtmeilenriff?“
Casim kniff die Augen zusammen und senkte den Kopf, zusammen mit den Ohren. Oh, Junge! „Wer ist damit nicht vertraut?“, rief er. „Das geht nun schon seit Jahren hin und her. Wieso hat sich Großmutter da mit reinziehen lassen?“
„Die Zunfträte beider Städte konnten einen Kompromiss erwirken.“ Kalmes hob schnell eine Hand und kam dem sarkastischen Kommentar zuvor, der Casim bereits auf der Zunge lag. „Fragen Sie mich nicht, wie das zustande kam. Ich will es nicht wissen. Die Vereinbarung über Fangzeiten und –Gebiete geht jedenfalls über 30 Seiten.“ Ein Räuspern. „Es gibt nur noch eine Unstimmigkeit über die Muschelbänke.“
Ein lautes Schnauben. Casim warf die Hände Richtung Decke. „Daran hat sich der ganze, elende Ärger doch überhaupt erst entzündet! Soll das heißen, ihr habt jahrelang verhandelt, um 30 Seiten zu füllen, die ihr schon morgen wieder ins Feuer werfen könnt?“
Ein pikiertes Stirnrunzeln ging Kalmes Entgegnung voraus. „Zum einen haben nicht wir verhandelt, sondern der Zunftrat. Und zum anderen hat sich auch dafür eine Lösung gefunden.“
Als wäre er ein Regisseur, der vom Bühnenrand aus Anweisungen geben würde, schaute er den Caith erwartungsvoll an und machte eine auffordernde Handbewegung.
Casim wechselte einen Blick mit seinem Begleiter und stellte mühsam seine Ohren wieder auf. „Wissen Sie Kalmes, bis zu diesem Moment hatte ich gehofft, es ginge nur um einen kleinen Ehrenhandel: Zwei Zunfträte sind aneinander geraten und lassen die Sache von zwei Schwertmeistern als Vertreter austragen, weil sie während der Verhandlungen die Waffenruhe einhalten müssen. Und jetzt erzählen Sie mir, dass ich praktisch die Ehre der Stadt verteidigen muss.“
Ohren und Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. Eine Winzigkeit der Reißzähne wurde sichtbar, um es entsprechend sarkastisch zu färben. „Sind wir für solch eine Großtat nicht etwas zu inoffiziell unterwegs?“
Casims Ohren hatten sich gehoben, Kalmes´ senkten sich. Seine Stimme färbte der aufkommende Ärger. „Das soll auch gar nicht offiziell werden. Dieses Duell…“
„… Dieses Gottesurteil wie zu Gründerzeiten!“, rief der zweite Caith dazwischen, der scheinbar teilnahmslos an einem Regal gelehnt hatte.
„Dieses Gottesurteil –danke, Herr Alvin!- ist hinter verschlossenen Türen ausgehandelt worden, weil keiner der Räte noch weitergewusst hat. Und der Vertrag soll noch vor Beginn der neuen Fangzeit unterzeichnet werden, sonst wird es diesmal mit Sicherheit Tote geben. Und dann ist alles jenseits jeder Verhandlung.“
„Egal wie das Duell ausgeht, morgen werden die Räte also verkünden, dass eine Einigung erzielt wurde“, sagte Alvin, der seinen Platz im Hintergrund aufgab und sich neben Casim stellte. „Und jetzt läuft Ihnen der Arsch auf Grundeis, weil Großmutter abgesagt hat.“
Unter Kalmes´ Gesichtsfell breitete sich leichte Röte aus. Teils aus Verlegenheit, so leicht durchschaut worden zu sein, teils aus Verärgerung über den unverschämten Ton des (immerhin nur adoptierten) Steinbachsohns. Das rote Fell auf seinem buschigen Schwanz sträubte sich noch ein wenig mehr, als er eine scharfe Retourkutsche vorbereitete.
„lass gut sein, ´Vin. Ich bin mir sicher, dass Kalmes vollstes Vertrauen in meine Fähigkeiten hat.“ Casim drückte sich an dem überraschten Amtmann vorbei und trat an den Altar. Sein Verhalten hatte sich auf verblüffende Weise geändert. Er wirkte nun in sich gekehrt, fast geistesabwesend. Mit großer Sorgfalt, als würde er sich nur auf diese Bewegung konzentrieren, ließ er ein paar Brocken Harz in die Räucherschale fallen.
„Gibt es Vereinbarungen über die Art des Duells?“
Er hat angenommen. Kalmes verkniff sich ein Aufatmen. Dieses Verhalten war bei Schwertmeistern weit verbreitet, die sich gedanklich auf ein Duell vorbereiteten.
„Wie sie bereits wissen, soll es noch heute stattfinden. Das Los für die Austragungsart fiel Kaltfels zu. Sie haben sich für einen Kampf bis zur ersten Verletzung entschieden, ohne die Möglichkeit, das Duell vorzeitig durch Aufgabe zu beenden.“
Ein scharfes Einatmen Alvins war der einzige Kommentar dazu. Kalmes musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass die Ohren des nussbraunen Caith nun dicht am Kopf anlagen. „Damit dürfen Sie die genaue Tageszeit und den Ort bestimmen.“
Einige Augenblicke der Stille vergingen. Dann nickte Casim wie als Reaktion auf eine innere Stimme. „Ich entscheide mich, wenn ich meinen Gegner gesehen habe. Wissen Sie etwas über ihn oder sie?“
„Leider so gut wie nichts“, antwortete Kalmes, was einen weiteren Zischlaut von Alvins Seite auslöste. „Er ist ein Grymm, heißt Nicos und soll in Westwind gelernt haben.“
„Absolventen von Westwind sind als unkonventionell bekannt. Schwer berechenbare Gegner.“ Casim wandte sich vom Altar ab und steuerte die Tür an. „Sehen wir uns den Jungen einmal an.“
Alvin bedeutete seinem Bruder, voraus zu gehen. Doch kaum hatte dieser den Raum verlassen, packte Alvin Kalmes, der dem Schwertmeister folgen wollte, vorne an der Robe.
Kalmes war groß für einen Fay. Mit fünf Fuß und zwei Zoll Körpergröße überragte er Alvin und dessen gleich großen Bruder um rund sechs Zoll. Doch der schlanke Caith drückte ihm mit der überraschenden Kraft seiner Art mühelos gegen ein Regal.
„Ich an Ihrer Stelle wäre froh, dass ich hier stehe und nicht Cousin Bedewer. Er hätte Ihnen die Ohren abgerissen“, zischte Alvin seinem Gegenüber zu.
Ich weiß, dass Sie an diesem Schlamassel am wenigsten schuld sind“, fuhr Alvin fort. „Deshalb haben Sie vor mir nichts zu befürchten, aber Sie können dem Rat ausrichten, dass die Sippe Steinbach Satisfaktion verlangen wird, sollte meinem Bruder etwas zustoßen.“
„Und glotzen Sie mich nicht so von oben herab an“, fuhr er den Fay an und verpasste ihm einen Stoß vor die Brust. „Ich habe keinen Tropfen Steinbachblut in meinen Adern, aber ich bin der Sohn der Matriarchin und darf in ihrem Namen sprechen. Sie nehmen das, was ich gesagt habe, besser für bare Münze!“
Er konnte Casim von draußen rufen hören, also ließ er von Kalmes ab und folgte seinem Bruder, den Fay dicht auf den Fersen, der sichtlich um Fassung bemüht war.
Ebenso wie Alvin, der nicht glauben konnte, wie sehr er eben die Beherrschung verloren hatte. Dieser Konflikt zwischen ihm und dem Amtmann schwelte nun schon eine Weile. Und der heutige Vorfall würde alles nur noch schlimmer machen. Dabei sollte er sich besser um seinen Bruder kümmern, der sich, wie so oft, wieder einmal in eine Sache gestürzt hatte, ohne groß darüber nachzudenken.
Und diese Sache stank. Nicht nur nach den Absprachen hinter verschlossenen Türen und verhängten Fenstern. Sondern nach enormen Wetteinsätzen. Und das war der Punkt, an dem es immer ekelhaft wurde. Alvin wünschte sich nichts so sehr, als das Großmutter Dana hier gewesen wäre. Sie hätte gewusst, wie man mit dieser Situation am besten umgehen sollte. Sie hätte nicht zugesagt, bevor sie ihren Gegner gesehen hätte.
Und sie hätte den Zunftrat bestimmt nicht mit einer möglichen Fehde bedroht, überkam es Alvin mit glasklarer Gewissheit. Was die Dummheit, die er in der kleinen Amtsstube begangen hatte, noch beschämender machte. Es bereitete ihm fast körperliche Schmerzen, seine Ohren aufrecht zu halten.
Casim mochte zwar aussehen, als würde er seiner Umgebung kaum Aufmerksamkeit schenken, aber er war nicht taub. Sein Bruder war nicht annähernd leise genug gewesen. Jeder, der zufällig vorbeigekommen wäre, hätte es hören können.
Er war in seinen Gefühlen hin und her gerissen. Einerseits wollte er Alvin dafür auf die Schulter klopfen, die sanftmütige Fassade einmal fallen gelassen und dem Fay die Zähne gezeigt zu haben. Andererseits wollte er ihm einen Schlag auf den Hinterkopf verpassen. Möglicherweise mehr als einen. Schön und gut, dass der kleine sich so um ihn sorgte. Aber jetzt musste er sich darum kümmern, dass Kalmes die Drohung, die Alvin ausgesprochen hatte, für sich behielt. Zum Wohle aller, besonders seiner Mutter, die einen Schreikrampf bekommen würde.
Niemand musste ihm sagen, wohin er zu gehen hatte. Besondere Gäste des Stadt- oder Zunftrates wurden immer im „Schwarzen Kopf“ untergebracht, dem besten Gasthaus Neuhafens. Er legte ein ähnlich flottes Tempo vor wie bei seiner Ankunft, was seinen Verfolgern alles abverlangte, um mit ihm Schritt zu halten. So hatten sie wenigstens keine Zeit, sich gegenseitig anzugiften.
Er umrundete den zweistöckigen Kalksteinbau, der den „Schwarzen Kopf“ beherbergte und zog einen Schlüssel aus seiner Weste. Knapp ein Drittel der Betriebsanteile gehörten seiner Sippe, so war es nicht völlig verwunderlich, dass er einen Schlüssel für die Hintertür besaß (auch wenn der wahre Grund darin bestand, dass er sich in einer der Dachkammern ein Liebesnest eingerichtet hatte).
Mit einer eleganten Geste ließ Casim Alvin und Kalmes den Vortritt, betrat ebenfalls das Haus und schloss hinter sich wieder ab. Beifällig nahm er zur Kenntnis, dass in dem Korridor, in denen sie sich nun befanden, außer ihnen niemand anwesend war. Dann griff er beherzt nach seinen Begleitern, die sich kurz darauf gegen die Wand gedrückt fanden, in ähnlicher Weise, wie es Alvin vor kurzem mit Kalmes gemacht hatte.
„Hört zu, ihr Komiker“, sprach er sie an, jeden Versuch eines Protestes durch härteres Zugreifen unterbindend. „Ich kann die Sorgen, die ihr mir macht, im Augenblick nicht gebrauchen, also klären wir das jetzt.“
„Sie“, wandte er sich an Kalmes, „steigen von Ihrem hohen Ross herunter. Ihre Familie zu viele dunkle Flecken auf der Ahnentafel, um über ein Adoptivkind die Nase rümpfen zu dürfen. Und sollte auch nur ein Wort über die Unterhaltung, die Sie mit meinem Bruder geführt haben, zu mir durchdringen, weiß ich, an wen ich mich wenden muss. Haben Sie mich verstanden?“ Ein widerstrebendes Nicken des Fays war die Antwort. Das genügte Casim vorerst. Blieb noch der andere.
„Und Du, ´Vin“, rief er Alvin zu, seinen Griff verstärkend, „Wenn ich noch mal so einen Schwachsinn von Dir höre, wasch ich Dir den Mund mit Seife aus. Bedewer hätte Dir das Fell gegerbt, nur so nebenbei erwähnt.“
Dann ließ er die beiden los und setzte ein liebenswürdigeres Gesicht auf. „Und nun, da wir uns alle wieder so großartig vertragen, würde ich gerne diesen Nicos sehen. Wo finde ich ihn?“
„Im Innenhof“, schnaufte Kalmes, der seine Roben nun schon zum zweiten mal an diesem Vormittag ordnete. Er vermied es, in Alvins Richtung zu sehen und der nussbraune Caith hielt es umgekehrt genau so. „Er wollte noch trainieren, hat man mir gesagt.“
„Wahrscheinlich will er eher die Schankfrauen beeindrucken“, murmelte Casim und schmunzelte. „Von der Galerie aus kann ich ihn mir wenigstens gut ansehen.“
Und es war eine Menge von ihm zu sehen. Fast sechs Fuß groß, breitschultrig, grau-schwarzes Fell und ein Wolfskopf mit einem geradezu klassischen Profil. Ein Grymm wie aus einer Buchillustration. Dazu passend, trug er ein locker sitzendes weißes Hemd und enge, sehr enge schwarze Lederhosen, die über den Knien endeten. Er hielt ein leicht gekrümmtes Langschwert in Händen, mit dem er sich durch ein paar Grundformen der Schwertkunst bewegte.
Der Aufzug hätte schon gereicht, um Casim zu verraten, dass „Training“ nur einen geringen Anteil der Vorstellung da unten ausmachte. Die übertrieben elegante Art, mit der der Grymm durch eine Reihe besonders schön anzusehender Bewegungsfolgen ging, machte daraus eine Gewissheit.
Seinem Publikum schien es zu gefallen. Nahezu das gesamte weibliche Personal (und einige Angehörige des männlichen Teils) hatten sich um den Hof verteilt und schmachteten den exotischen Schwertmeister an.
Casim war enttäuscht. Ein ernsthafteres Training hätte ihm etwas über seinen Gegner verraten können. Aber dieser Balztanz machte seine Anwesenheit hier zu einer reinen Zeitverschwendung.
Nicos machte eine Pause und nahm einen Schluck aus einem Krug, der ihm gereicht wurde. Casims Zeichen zum Aufbruch. Er stieß sich von der Brüstung ab und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Sein Bruder blieb noch einen Augenblick. Die Ellbogen auf die Brüstung und den Kopf in die Handflächen gestützt, beobachtete er die Szene im Hof mit spöttischem Interesse.
„Ich hätte Wetten darauf abschließen sollen, dass er sein Hemd auszieht“, seufzte er. „Was sagt man dazu. Der Spinner hat sich Muster ins Fell rasiert.“ Diese letzte Bemerkung lies Casim in der Bewegung erstarren.
Mit einem Sprung war er zurück auf seinem Beobachtungsposten und starrte in den Hof hinunter. Tatsächlich, haarlose Linien zogen sich durch das cremfarbene Brustfell des Grymms und bildeten Ornamente. Acht an der Zahl.
Alvin, dessen Aufmerksamkeit nun völlig auf seinen Bruder konzentriert war, konnte sehen, dass Casims Ohren teilweise unter der Mähne verschwanden, so eng legten sie sich an dessen Kopf an. Sein Schwanz hing wie leblos herab, nicht einmal die Spitze zitterte mehr.
Das war mehr als nur Erschrecken. Tiefes Entsetzen traf es schon eher.
„´Sim, was ist los“, flüsterte er ihm zu. „Was ist so besonders an ein paar merkwürdigen Rasuren?“
„Sieh genauer hin“, kam Casims tonlose Antwort. „Das sind keine Rasuren. Das sind Narben.“
„Narben.“
„Trophäen, um genau zu sein. Kerle wie ihn hab ich auch in Nordwind gesehen. Wir haben alle einen großen Bogen um die gemacht.“
„Und diese Trophäen stehen für….“ Eigentlich wollte Alvin die Antwort gar nicht hören. Er konnte es sich auch so denken.
Der weißhaarige Caith musste schlucken. Sein Mund war plötzlich sehr trocken geworden. „Jedes Ornament steht für einen toten Schwertmeister. Diese Bastarde nennt man Sammler. Ihr Drittes Auge ist auf Duelle spezialisiert. Sie kämpfen nicht für Geld oder Ehre. Nur für große Namen, die sie sich in die Brust schneiden können.“
Nun war es ausgesprochen. Und Alvin wusste, dass sein Bruder in großen Schwierigkeiten war. Es war für einen Schwertmeister möglich, sein Drittes Auge ausschließlich auf Zweikämpfe zu trainieren. Er gab damit seinen größten Vorteil auf, nämlich fünf oder sechs Gegner gleichzeitig bekämpfen zu können. Aber in Mann-Gegen-Mann-Kämpfen wurde er dadurch fast unbesiegbar. Selbst für andere Schwertmeister.
„Kein Wunder, dass auf einen Kampf bis zur ersten Verletzung bestanden wurde“, fauchte Casim, der sich nun endgültig entfernte. „Das hat er dem Rat von Kaltfels eingeredet. Es kann schon vorkommen, dass eine Wunde zu tief geht. Unfälle passieren.“ Er hätte ausgespieen, wenn sich noch Speichel in seinem Mund befunden hätte. Diesmal hatte er sich tief reingeritten. Einen ähnlichen Gedanken sprach er aus.
„Benutz endlich mal Deinen Kopf, ´Sim!“, fuhr Alvin ihn an. „Noch ist nichts schriftlich fixiert. Und es gibt nur zwei Zeugen für deine mündliche Zusage.“
Das ließ Kalmes, der sich abseits gehalten hatte, und dem anzusehen war, dass er lieber woanders wäre, zusammenzucken.
Blicke wurden aus Casims Augen verschossen. Ein wütender traf Alvin und ließ diesen den Kiefer mit einem deutlichen Geräusch zuklappen. Und ein genervter wurde auf Kalmes geworfen. „Jetzt regen Sie sich ab. Niemand wird Sie in den Fluss werfen. Und jetzt kommen Sie her. Ich beende diese Sache.“
Den Göttern sei Dank, ich habe seinen Verstand letztendlich doch noch zum Laufen gebracht. Erleichterung ließ Alvins Knie weich werden. Gehen wir also wieder nach…
„Ich teile Ihnen nun Tageszeit und Ort für den Kampf mit.“
„WAS?!“
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Ende Teil 1
Category Story / General Furry Art
Species Mammal (Other)
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