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Teil 2
Der Tag war vorüber gezogen. Ein Tag, der für Alvin genauso gut eine Woche, ein Monat oder ein Jahr gewesen sein konnte. Ein Tag, der nicht vorübergehen wollte.
Er hatte seit der Mittagszeit, seit ihrer Ankunft hier an der Küste, zwei Stunden Ritt westlich von Neuhafen, kaum etwas getan. Ab und zu kümmerte er sich um die Tiere, aber die meiste Zeit beobachtete er seinen Bruder.
Casim betrachtete die sinkende Sonne. Aber das war eigentlich nur Zufall. Er hatte den ganzen Tag in etwa die gleiche Richtung auf das Meer hinausgestarrt. Ab und zu ging er ein paar Schritte hin und her oder setzte sich ein paar Minuten an den Rand der Böschung. Aber die meiste Zeit stand er einfach nur regungslos da. Mit einer derart abweisenden Körperhaltung, dass Alvin es nicht gewagt hatte, sich ihm zu nähern.
Sein Bruder liebte das Meer, im scharfen Gegensatz zu den meisten anderen Steinbachs. Zum Missvergnügen ihrer Mutter war als Kind oft mit den Fischern hinausgefahren, wie ihm die anderen erzählt hatten. Diesen abgelegenen Ort als Austragungsort für das Duell zu wählen, kam ihm immer mehr wie eine Geste des Abschieds vor.
Zunehmend machte sich Angst und Verzweiflung in ihm breit. So benahm sich doch niemand, der erwartete, den nächsten Sonnenuntergang auch noch erleben zu können! Alvin fürchtete nicht nur um Casims Leben, sondern noch viel mehr um dessen Verstand.
Ein Geräusch fing sich in seinem rechten Ohr, bog es nach hinten, um nach der Quelle peilen zu können. Ein Reiter näherte sich.
Es war noch zu früh für Nicos. Die Traditionen der Schwertmeister verlangten, dass sich die Kontrahenten erst zur verabredeten Zeit am Ort des Geschehens einzufinden hatten (eine Tradition, die Casim ohne Wimpernzucken ignoriert hatte). Und der Grymm würde nicht ohne seinen Sekundanten auftauchen. Der Caith stieg auf einen Felsen, um einen besseren Ausblick zu haben.
Nein, das war sicher nicht der Grymm. Nicht annähernd groß genug. Alvin konnte nicht erkennen, mit wem er es zu tun hatte. Der Neuankömmling hatte seinen Reitmantel zugeknöpft, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und sich einen Schal vor die Schnauze gebunden. Er und sein Tier waren triefend nass. Der Nieselregen, der vor kurzem hier über den Strand gezogen war, hatte wohl einen großen, bösen Bruder mitgebracht, der weiter östlich gehaust hatte.
Der nussbraune Caith versicherte sich mit einem Griff in seine Weste, dass seine Messer locker saßen. Außerdem ging er in Gedanken eine Reihe von Blendwerken durch, die er schnell wirken konnte. Der vermummte machte keinen sonderlich aggressiven Eindruck. Aber man konnte nie vorsichtig genug sein.
Dann wehte ihm eine Brise eine Reihe vertrauter Aromen ins Gesicht. Starke Gerüche, die auch ein Regenguss nicht auswaschen konnte…
„Ich hab Ohrfeigen mitgebracht! Wer will zuerst?“
„Ein klein wenig der Anspannung, die Alvin fast schmerzhaft im Griff hielt, lies nach. Die Stimme der Vernunft ist eingetroffen. Und sie ist laut und beleidigend.
Der Rufer stieg ab, zog sich den Schal von der Schnauze und schlug die Kapuze zurück. Spitze, graue Ohren tauchten aus einer Mähne auf, die einen Tick dunkler war als der restliche sichtbare Pelz. Wie Casim war er ein Caith Sidhe vom Hochland. Und ein enormer dazu.
Jetzt, wo er auf Alvin zuging, war auch der Größenunterschied deutlich sichtbar. Mit fünf Fuß Körpergröße überragte er die meisten Caith um eine Handbreite. Und der Rest passte sich diesem Maß an. Breites Kreuz, mächtiger Brustkorb, dicke Arme und Beine. Selbst der athletische Casim würde neben diesem Brocken schmächtig aussehen. Sein Name war Bedewer Steinbach und er war der ältere Cousin der beiden Brüder.
„Du traurige Gestalt hättest mir eine Nachricht schicken können“, polterte er, während er sich das nasse Leder seines Mantels vom Körper schälte. „Weißt Du, wie lange ich Freund Räucherfass“, ein Zeigefinger mit ausgefahrener Kralle zuckte in Richtung Neuhafen „bearbeiten musste, damit er mit der ganzen Mär herausgerückt ist?“
Alvin sprang von seinem Aussichtspunkt herunter und lief seinem Cousin entgegen, die Ohren angelegt. Bedewer hatte diese Wirkung auf andere Leute. Er konnte eine Emotion nehmen und sie in Ärger verwandeln. Selbst tiefe Depressionen.
Seiner heftigen Entgegnung wurde die dazu nötige Luft abgeschnitten, als seine drahtige Gestalt in Bedewers Umarmung förmlich verschwand.
Mehr als die unterwarteten Arme des anderen, die ihn in ihrer gewohnten, schraubstockartigen Umklammerung hielten, überraschte Alvin die Reaktion seines eigenen Körpers. Er sackte regelrecht in sich zusammen und nutzte das bisschen Energie, dass noch übrig war, um die Umarmung zu erwidern. Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln, gerade noch so konnte er ein Schluchzen unterdrücken. „Den Göttern sei Dank, dass Du hier bist“, mehr als diese paar geflüsterten Worte brachte er nicht mehr heraus.
Bedewer blinzelte. Er hatte damit gerechnet, dass sein kleiner Cousin eine Aufmunterung nötig haben würde. Aber dieses zitternde Bündel in seinen Armen ließ ihn hilflos dastehen. Der unbehagliche Augenblick zog sich in die Länge, während er sengende Blicke auf Casims entfernten Rücken richtete. Unbeholfen tätschelte er Alvins Schulter. „Schon gut, schon gut. Er ist wieder in dieser Stimmung. Du bist erst seit zwei Jahren hier, das kennst Du ja noch gar nicht.“
Alvin hatte sich wieder weit genug gesammelt, um aus eigener Kraft stehen zu können. Verlegenheit empfand er nur kurz. Bedewer hatte ihm schon in schlimmerer Verfassung erlebt. Außerdem war da diese Bemerkung.
„Das war schon mal so schlimm? Großer, Casim sieht aus, als wolle er sich von einer Klippe stürzen!“
Der Angesprochene entließ Alvin aus seiner Umarmung und schob ihn auf Armeslänge von sich weg. Die kastanienbraunen Augen Bedewers´ begegneten den bersteingelben seines Cousins und hielten sie fest. „´Vin, Dein Bruder ist eigentlich ein sehr intelligenter Kerl. Er benutzt nur seinen Kopf zu wenig und überlässt das Denken seinen Eingeweiden. Er folgt seinem Bauchgefühl, selbst wenn sein Verstand noch so sehr dagegen anschreit. Und wenn ihm die Vernunft zu laut wird, verzieht er sich in einen Schmollwinkel.“
Sanft drehte er Alvin herum, damit er in die gleiche Richtung wie er blicken konnte. „Und so sieht das aus. Ich erzähl Dir bei Gelegenheit die Geschichte, wie ich ihn das letzte Mal so gefunden habe. Aber nicht heute.“
Alvin nickte. Eigenartigerweise machte diese Erklärung Sinn. Sein Bruder ragte selbst im an Originalen nicht armen Hochland heraus. „Schön, dass wenigstens einer von uns eine Ahnung hat, was los ist. Und wie sieht Dein Plan aus?“
Der große Caith schenkte ihm ein reißzahnbewehrtes Grinsen. Eine Grimasse, die keinen Deut Humor mehr enthielt. „Ganz einfach: Ich gehe rüber zu Herrn Dickschädel und rede mit ihm. Wenn ich Casim zur Vernunft bringen kann, legen wir einen Hinterhalt. Dann wird Meister Nicos nicht zur verabredeten Zeit eintreffen, weil er und sein Sekundant einen Umweg über den Meeresgrund genommen haben.“
„Einverstanden!“ Jemand, der den normalerweise so sanften Caith nicht so gut gekannt hätte wie Bedewer, wäre sehr überrascht gewesen, mit welcher Entschlossenheit er nun einem Mordkomplott zustimmte. „Aber was machen wir, wenn er zusammen mit den Beobachtern ankommt?“
Bedewer winkte ab. „Das wird nicht geschehen. Kalmes ist einer der Beobachter. Und der ist mir einiges schuldig. Er wird seinen Kollegen aus Kaltfels eine Weile aufhalten. Sie werden sich eine halbe Stunde verspäten. Aber das bringt uns gar nichts, solange ich Casim nicht überreden kann, mitzumachen. Nur zu zweit gehe ich einen Schwertmeister mit Begleitung nicht gerne an.“
Alvin blieb zurück, als sein Cousin an ihm vorbeiging und sich an den Rand der Böschung neben Casim stellte. Der Wind trug einige Fetzen ihres Gespräches zu ihm herüber. Nicht genug, um Worte verstehen zu können, aber den Tonfall bekam man gut mit. Bedewer begann den Wortwechsel ruhig, wurde jedoch zunehmend lauter und hörbar wütender, während Casim kurz angebunden und sehr friedlich blieb. In gleichem Maße sank die Stimmung des dritten Steinbachs einem neuen Tiefpunkt entgegen. Sein Bruder würde sich nicht umstimmen lassen, innerlich hatte er das längst gewusst.
Nach einer letzten atemlosen, ellenlangen Tirade warf der große seine Hände in einer Geste hilfloser Wut in die Luft und stapfte mit angelegten Ohren und einem, wie eine Flaschenbürste aufgeplusterten Schwanz zu Alvin zurück. Er warf sich neben ihm ins Gras, dabei ununterbrochen Obszönitäten vor sich hinmurmelnd. Es bedurfte mehrerer auffordernder Stupser gegen seine Schulter, um ihn daran zu erinnern, dass hier noch jemand war, der gerne bescheid gewusst hätte.
„Er ist fest davon überzeugt, dass er nicht dabei draufgeht“, schnaubte Bedewer. „Er hat mir ausdrücklich – das muss man sich einmal überlegen! Er hat es mir verboten! Mir! Er hat mir verboten, das Duell zu verhindern!“ In diesem Stile ging es einige Zeit weiter. Der große konnte sich großartig in seine Wut hineinsteigern.
Alvin griff schließlich in die Weste seines Cousins und förderte den Flachmann mit Weinbrand zutage, den dieser immer bei sich trug. Mit einem in sein Ohr gerufenem „Zum Wohle!“ drückte er ihm das Behältnis in die Hand und unterband so weitere Ausbrüche.
„Wir warten also“, sagte Alvin, während sein Cousin einen großen Schluck nahm.
„Wir warten und sehen zu“, antwortete Bedewer. „Er hat was vor, da bin ich sicher. Aber ich habe keinen Schimmer, was und wie verrückt.“ Sein Blick streifte die Flasche in seiner Hand. „Ich hätte mehr mitnehmen sollen.“
*****
Noch eine Stunde, bis die Sonne versunken sein würde. Casims Aufmerksamkeit wurde vom Meer weggerissen, als er Alvin rufen hörte.
Sein Bruder hatte wieder seinen Aussichtsplatz auf dem Felsblock eingenommen. Nun war er aufgestanden und winkte ihm zu, während er gleichzeitig Richtung Osten deutete. Das bedeutete, Nicos war angekommen. Der weißhaarige Caith drehte sich noch einmal zum Meer um und atmete tief durch. Dabei beschwor er einen Zustand innerer Leere herauf, in die er seine Nervosität und seine Angst fallen lies.
Als er zu seinen Freunden ging, trug er sein Kampfgesicht zur Schau. Caith waren in der Regel keine guten Kartenspieler, weil Ohren, Schnurrhaare und Schwanz ein deutlich sichtbares Stimmungsbarometer darstellten, das nur schwer zu kontrollieren war. Casim hingegen war ein ausgezeichneter Spieler, der seinen Körper perfekt unter Kontrolle hatte. Er präsentierte der Welt einen Ausdruck, der Gegner irritierte und gewisse Sippenmitglieder regelmäßig die Wände hochtrieb: absolute Gleichgültigkeit.
Was seine Wirkung nicht verfehlte. Bedewer war anzusehen, dass er ihn am liebsten in eine Ecke gestellt und stundenlang geohrfeigt hätte, und Alvin schloss die Augen und drehte sich von ihm weg. Das versetzte Casim einen Stich. Er hatte unterschätzt, wie sehr dies alles seinen kleinen Bruder mitnehmen würde. Ich mach es wieder gut, ´Vin. Ganz sicher.
Dann verbannte er Bruder und Cousin aus seinem Bewusstsein. An der, von ihm aus, rechten Seite des Felsens tauchte Nicos auf. Er war nun etwas praktischer gekleidet als auf dem Hof des Schwarzen Kopfs. Diese schwarze, kurze Lederhose war etwas weiter geschnitten und würde seine Bewegungsfreiheit nicht mehr behindern. Dafür lag das weiße Leinenhemd dichter am Körper an und würde sich sicher nicht so leicht irgendwo verfangen wie das davor.
Genau wie die anwesenden Caith trug auch der Grymm kein Schuhwerk. Das hatte sich unter den Zehengängern, zu denen beide Völker gehörten, nie wirklich durchsetzen können.
Jetzt, wo sie sich auf einem Höhenniveau gegenüber standen, war der Grymm sogar noch beeindruckender. Größe und Kraft spielten bei einem Kampf zwischen Schwertmeistern zwar nur eine untergeordnete Rolle, einschüchternd war dieser Riesenkerl aber trotzdem. Er sieht fast so stark aus wie Volkan. Ich wusste nicht, dass die Wölfe so groß werden, schoss es ihm durch den Kopf.
Hinter dem fremden Schwertmeister tauchte ein weiterer Grymm auf, der wohl sein Sekundant war. Im Gegensatz zu Nicos, dessen Fell eine Mischung aus grauen und schwarzen Partien zeigte, präsentierte dieser dunkle und helle Sandtöne. Einen ganzen Kopf kleiner und eher schmächtig, schätzte ihn Casim ein gutes Stück jünger ein. Sein Schüler? Hoffentlich nicht. Von dieser Pest gibt es ohnehin schon zu viele!
Graue Augen mit einem schwarzen Rand um die Iris zuckten zwischen den drei Steinbachs hin und her. Leichte Verärgerung war Nicos anzumerken. „Wer seid ihr und wo ist Meister Dana Steinbach?“, rief er ihnen zu.
Es hat ihm niemand bescheid gesagt? Kalmes, ich könnte Dich küssen!
Bevor Casim auch nur den Mund aufmachen konnte, sprang sein Cousin auf und richtete das Wort an den Grymm.
„Meister Nicos, wenn Sie erlauben, werde ich die Anwesenden vorstellen.“ Ohne eine Reaktion des Angesprochenen abzuwarten, deutete er auf Casim und redete einfach weiter.
„Meister Dana lässt sich entschuldigen. An ihrer Stelle tritt Meister Casim Steinbach, designierter Schwertmeister von Steinbach an.“
Casim bemerkte, wie sich Nicos´ Miene bei diesen Worten wieder etwas aufhellte. Hattest wohl schon Angst, Dir keine so große Trophäe schneiden zu können, wie Du geplant hattest, was? Du wirst Dich wundern, wie tief dieser Schnitt gehen wird.
Der große setzte seine Vorstellung fort. „Dies ist sein Sekundant, Alvin Steinbach. Und meine Wenigkeit heißt Bedewer Steinbach. Ich bin als Beobachter der Sippe Steinbach anwesend.“
„Das ist aber sehr unüblich“, entgegnete der Schwertmeister. Er bemühte sich um Höflichkeit, aber man musste kein Genie sein, um zu merken, dass es ihm nicht schmeckte.
„Gewöhnen Sie sich daran. Wir sind hier nicht in Aetien.“ Das war kurz, barsch und in einem Tonfall geraunzt, der Nicos´ Ohren praktisch an seinen Schädel drückte. In Gedanken klatschte Casim dem großen Beifall. Eine klarere Linie konnte man gar nicht in den Sand ziehen.
*****
Nicos warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf diesen Bedewer Steinbach, als er sich mit Dahid entfernte, um sich in Ruhe vorbereiten zu können. Kein Schwertmeister, aber trotzdem gefährlich. Und die Selbstverständlichkeit, mit der er sich einfach so zu einem inoffiziellen dritten Beobachter ernannte, machte deutlich, dass seine Sippe Einfluss besaß. Mehr als der Grymm einer Bande von Züchtern zugestanden hätte.
Seine Genossen hatten ihn vor der Sippe Steinbach gewarnt. „Du wirst wohl ihren Meister kriegen“ hatten sie gesagt, „aber sie werden Deine Asche auf sein Grab streuen.“
Nicos hatte das als dummes Gerede abgetan. Die Schwertmeister von Steinbach waren einst große Berühmtheiten in den Sezessions- und Nachfolgekriegen gewesen. Eine Schwertmeister-Dynastie, die ihre Namen über drei aufeinander folgenden Generationen im Buch der Helden von Aetien hinterlassen hatten. Aber das lag lange zurück, ebenso wie der Reichtum der Sippe, nachdem sich ihre Silbermine erschöpft hatte. Heutzutage züchteten sie irgendwelche Viecher. Das einzig interessante an ihnen waren die Schwertmeister, die sie nach wie vor hervorbrachten. Von denen man zwar keine großen Taten mehr hörte, deren Name aber immer noch einen guten Klang hatte. Und eine schöne Trophäe abgab.
Er hatte ein paar heruntergekommene Gestalten erwartet, die sich an den Glanz vergangener Tage klammerten. Nicht so was wie diese drei, die sich in ihrer Bedrohlichkeit am ähnlichsten waren.
Zum ersten male wurde er unsicher. Die beiden anderen Steinbachs würden es auf jeden Fall drauf ankommen lassen, wenn er ihren Verwandten umgebracht hatte. Nur der große trug offen eine Waffe, ein langes Messer. Aber in den ausgebeulten Westen konnten sich noch andere Sachen verstecken. Und Messerwerfen war Volkssport im Hochland, wie er kürzlich mitbekommen hatte.
Der Grymm fixierte seinen Gegner und benutzte seine zweite magische Fähigkeit. Seine Wahrnehmung verschob sich leicht auf die Astrale Ebene, so dass er nun Casims Aura sehen konnte.
Was ihn überraschte, war die Jugend des anderen. Das Alter von Sidhe war nur schwer einzuschätzen, da sie sich von dem Zeitpunkt an, an dem sie ausgewachsen waren, bis ins Alter hinein kaum veränderten. Dieser hier war kaum älter als 25. Und das war für einen Caith Sidhe, die über 250 Jahre alt werden konnten, so gut wie gar nichts. Die Emotionen, die sich in seiner Aura widerspiegelten, entlarvten seinen unbeteiligten Gesichtsausdruck als eine bloße –wenn auch gute- Maske. Er war sehr angespannt, erfüllt mit einer Mischung aus Erwartung und Angst. Er wusste wohl, welchem erlauchten Kreis sein Gegner angehörte.
Er ließ seinen Blick weiter zu dem kleinsten der drei wandern. Sein Alter konnte er nicht ablesen, was an der erweckten Aura des anderen lag. Alvin hatte eine aktive magische Kraft. Und wenn sich Nicos nicht sehr täuschte, dann war dies die Fähigkeit eines Blenders, eines Sinnestäuschers. Das erklärte, wieso ein Flachländer den Namen Steinbach trug. Magier waren ein beliebtes Objekt von Adoptionen. Es förderte das Ansehen einer Familie und bereicherte sie um einen wertvollen Verbündeten. Eine weitere, unangenehme Entdeckung für den Grymm.
Sollte er sein Vorhaben aufgeben? Nach kurzem Nachdenken beantwortete er diese Frage mit einem entschiedenen NEIN! So hatte er sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf einen Kampf gefreut. Was als simple Jagd nach einer ausgefallenen Trophäe begonnen hatte, war nun zu einem aufregenden Abenteuer geworden.
Sollten sie es nur versuchen. Er würde es ebenfalls drauf ankommen lassen!
*****
Bedewer entfernte sich. Die folgenden Minuten gehörten ausschließlich Casim und Alvin. Dem Schwertmeister und seinem Sekundanten.
In Alvins Körpersprache mischten sich viele widersprüchliche Emotionen. Resignation und Wut machten einen Gutteil davon aus. Er vermied den Blickkontakt mit seinem Bruder, während er das Bündel öffnete, das sich nun schon den ganzen Tag in seiner Obhut befand.
Viel war es eigentlich nicht, wenn man bedachte, dass jemand damit sein Leben schützen sollte: Ein gestepptes Lederwams, ein Schulterschutz, Armschienen und Oberschenkelschützer aus festem Leder, auf dem eine Lage Kettengeflecht befestigt war. Und ein Paar Schwerter. Die wenigsten Schwertmeister rüsteten sich komplett, bevor sie ein Duell angingen. Sie zogen größtmögliche Beweglichkeit vor und vertrauten auf ihr drittes Auge als wahren Schutz.
Das Anlegen der Ausrüstung war eine schnell erledigte und problemlose Aufgabe. Alvin war seinem Bruder oft genug zur Hand gegangen. Schließlich reichte er ihm seine Waffen.
Casim zog blank. Der Schwertmeister ließ sein Augenmerk einen Moment auf diese treuen Gefährten verweilen. Schläger und Beißer waren ihre Namen. Bedewer hatte sie in einer Bierlaune so getauft und ihr Besitzer hatte es dabei belassen. Irgendwie passte es.
Die Schwerter waren nichts Besonderes. Robuste Arbeitsgeräte ohne jeden Schmuck. Jeweils zwei Fuß lang vom runden Knauf bis zur Spitze, einschneidig und die Spitze lief in einen Entenschnabel aus, wie man es manchmal bei großen Messern sah. Die Parierstange zog sich an der Vorderseite hinunter und bildete so einen Handschutz, wie es auch bei Waffen üblich war, die auf See benutzt wurden.
Damit waren die Vorbereitungen abgeschlossen. An dieser Stelle wünschte ihm Alvin normalerweise Glück. Stattdessen starrte er Casim in die Augen und flüsterte: „Sag mir, das Du einen Plan hast.“
Casim lockerte seine Körperkontrolle weit genug, um seinem Bruder ein warmes Lächeln zu schenken. „Natürlich hab ich einen Plan. Ich bin vielleicht verrückt, aber nicht völlig verblödet.“
„Und Dein Plan ist so verrückt, dass Du ihn uns nicht erklären willst!“
Weiterzulächeln, als ob er die hilflose Wut, die ihm entgegenschlug, nicht bemerken würde, kostete Casim eine Menge Kraft. Da hab ich eine Menge wieder gutzumachen. „Du machst Dir zu viele Sorgen, ´Vin. Wenn es zu eng wird, werde ich mich selbst schneiden. Bis zu ersten Verletzung, erinnerst Du Dich?“ Er zwinkerte ihm verschwörerisch zu, bevor er sich umdrehte.
Kalmes und der Beobachter aus Kaltfels waren inzwischen eingetroffen. Ein orangebrauner Fay, der sich als Feik Eisennagel vorstellte. Beide hatten ihre Roben gegen die in der Gegend üblichen – und praktischeren - kurzen Hosen, Westen und Reitmäntel eingetauscht. Auch Nicos hatte sich ausgerüstet – wenn man es so nennen wollte. Zusätzlich zu Hemd und Hose trug er nun lederne, mit Buckelnieten besetzte Stulpen an den Unterarmen und einen Schulterschutz ähnlicher Machart. Bewaffnet hatte er sich mit dem gekrümmten Schwert, mit dem Casim ihn schon im Hof des Schwarzen Kopfes gesehen hatte.
Die allgemeine, gegenseitige Begrüßung fiel distanziert und spürbar kühl aus. Kalmes wie Feik war das Unbehagen anzusehen. Der Lauf, den die Ereignisse gegangen waren, gefiel sicher keinem von beiden. Sie hielten auch deutlich Abstand vom dritten „Beobachter“, der oben auf dem Fels Platz genommen hatte und nun wie eine dunkle Gewitterwolke auf die Versammelten herabblickte.
„Sie haben sich einen schönen Platz für den Vergleich ausgesucht, Meister Casim“, rief Kalmes in dem Versuch, die eisige Stimmung ein wenig aufzuwärmen und das allgemeine Schweigen zu brechen. „Ich muss gestehen, dass ich diesen Abschnitt der Küste noch gar nicht kannte.“
Casim nickte einmal kurz und richtete seinen Blick wieder Richtung Meer. „Den Strand finde ich sogar noch schöner“, erwiderte er.
Stirnrunzelnd kam der rote Fay näher und schaute die Böschung hinunter. „Strand? Welcher Strand?“ Alles, was er sehen konnte, war Wasser.
„Na dieser Strand!“, lautete die Antwort des Caith. Dann sprang er die sieben Fuß bis zur Wasseroberfläche hinunter, welches sich gleich darauf als nur knöcheltief herausstellte. „Hier werden wir den Kampf austragen!“
Kalmes wechselte einen schnellen Blick mit Feik und Nicos, die offensichtlich genau so irritiert waren, wie er selbst. „Ah, dieser Strand. Ihnen ist bewusst, dass die Flut bereits eingesetzt hat?“
Ein Flattern mit den Ohren wurde ihm geschenkt, welches man auch als Abwinken deuten konnte. „Heute ist nur Nippflut. Das Wasser wird nicht höher als hüfthoch steigen. Außerdem bin ich mir sicher, dass wir lange vorher fertig sein werden.“
Was immer Kalmes auch dazu noch zu sagen gehabt hätte, es wurde ihm abgeschnitten, als Nicos das Wort ergriff. „Lassen wir es dabei bewenden, Amtmann. Die Wahl des Ortes lag bei Ihrer Partei, also werde ich diese Narretei hinnehmen.“ Damit sprang er ebenfalls hinunter ins Wasser.
*****
Alvin trat zusammen mit den anderen Anwesenden an den Rand der Böschung und sah dabei zu, die die Duellanten einander gegenüber Aufstellung nahmen. Bedewer trat neben ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Er hat gesagt, dass er sich selbst verletzen wird, wenn es knapp wird“, raunte Alvin, so dass nur sein Cousin es hören konnte. „Glaubst Du daran?“
Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens nickte Bedewer. „Ja, das kann ich mir gut vorstellen.“ Was er nicht sagte war: Ich kann mir auch gut vorstellen, dass mir plötzlich Flügel wachsen und ich über den Mond fliege.
*****
Die Kontrahenten standen sich gegenüber für die traditionellen, letzten Worte. Casims grüne Augen trafen die grauen seines Gegenübers und beide versuchten, sich nieder zu starren.
Der Caith ergriff als erster das Wort. Und anstatt seinem Gegner einen guten Kampf zu wünschen, beschloss er, den Kurs sofort auf Angriff zu setzen. Diesen Abschaum würde er nicht mit Höflichkeit behandeln!
„Mistkerle wie Du bringen unseren Stand in Verruf. Glaub nur nicht, dass Du von dieser Insel noch mal runterkommst“, zischte er ihm zu. Es wurde spürbar kälter zwischen den beiden.
Nicos zuckte vor der schieren Bösartigkeit dieser Eröffnung zurück. Er weiß, was ich bin, und trotzdem reißt er mir gegenüber so das Maul auf? Ich habe es mit einem Irren zu tun! Er entschied sich, den Mund zu halten. Hier war bereits alles gesagt. Stattdessen trat er einen Schritt zurück und hob das Schwert grüßend vor sein Gesicht. Sein Drittes Auge öffnete sich weit, dann rief er: „Ich sehe Dich!“ Diese Worte waren die traditionelle Kampferöffnung zwischen Schwertmeistern.
Auch Casim entfernte sich einen Schritt von seinem Gegner. Beißer und Schläger kreuzten sich vor seinem Gesicht. „Ich sehe Dich!“ Danach gingen beide Kontrahenten in Angriffstellung. Das Duell hatte begonnen.
Ein Duell, das für den uneingeweihten Beobachter nicht stattfand. Keiner der Widersacher bewegte sich, sie fixierten einander nur. Der informierte hingegen wusste, dass nun eine Schlacht tobte, die die Vorstellungskraft der meisten Leute sprengte.
Das Dritte Auge befähigt einen Schwertmeister, die Bewegungen seines Gegners zu durchschauen und seinen nächsten Zug vorherzusehen. Aber er kann sich nicht davor schützen, selbst von einem anderen Dritten Auge durchschaut zu werden.
Stehen sich zwei Schwertmeister gegenüber, werden sie jede Aktion des anderen schon im Ansatz erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen, was natürlich sofort wieder durchschaut wird, und so weiter. Es ist eine Form des Kampfes, die hohe mentale Disziplin, Konzentration, Geistesgegenwart, Reaktionsschnelligkeit und Ausdauer erfordert. Sieger ist, wer das geistige Duell länger durchhält. Üblicherweise gibt es nur einen einzigen, wirklichen Angriff: den letzten.
Schwertmeister kreuzen keine Klingen, sie bekämpfen sich mit Möglichkeiten. Und das ist auch der Name, den der Volksmund einem Duell zwischen Schwertmeistern gegeben hat: Kampf der Möglichkeiten.
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Ende Teil 2
Teil 2
Der Tag war vorüber gezogen. Ein Tag, der für Alvin genauso gut eine Woche, ein Monat oder ein Jahr gewesen sein konnte. Ein Tag, der nicht vorübergehen wollte.
Er hatte seit der Mittagszeit, seit ihrer Ankunft hier an der Küste, zwei Stunden Ritt westlich von Neuhafen, kaum etwas getan. Ab und zu kümmerte er sich um die Tiere, aber die meiste Zeit beobachtete er seinen Bruder.
Casim betrachtete die sinkende Sonne. Aber das war eigentlich nur Zufall. Er hatte den ganzen Tag in etwa die gleiche Richtung auf das Meer hinausgestarrt. Ab und zu ging er ein paar Schritte hin und her oder setzte sich ein paar Minuten an den Rand der Böschung. Aber die meiste Zeit stand er einfach nur regungslos da. Mit einer derart abweisenden Körperhaltung, dass Alvin es nicht gewagt hatte, sich ihm zu nähern.
Sein Bruder liebte das Meer, im scharfen Gegensatz zu den meisten anderen Steinbachs. Zum Missvergnügen ihrer Mutter war als Kind oft mit den Fischern hinausgefahren, wie ihm die anderen erzählt hatten. Diesen abgelegenen Ort als Austragungsort für das Duell zu wählen, kam ihm immer mehr wie eine Geste des Abschieds vor.
Zunehmend machte sich Angst und Verzweiflung in ihm breit. So benahm sich doch niemand, der erwartete, den nächsten Sonnenuntergang auch noch erleben zu können! Alvin fürchtete nicht nur um Casims Leben, sondern noch viel mehr um dessen Verstand.
Ein Geräusch fing sich in seinem rechten Ohr, bog es nach hinten, um nach der Quelle peilen zu können. Ein Reiter näherte sich.
Es war noch zu früh für Nicos. Die Traditionen der Schwertmeister verlangten, dass sich die Kontrahenten erst zur verabredeten Zeit am Ort des Geschehens einzufinden hatten (eine Tradition, die Casim ohne Wimpernzucken ignoriert hatte). Und der Grymm würde nicht ohne seinen Sekundanten auftauchen. Der Caith stieg auf einen Felsen, um einen besseren Ausblick zu haben.
Nein, das war sicher nicht der Grymm. Nicht annähernd groß genug. Alvin konnte nicht erkennen, mit wem er es zu tun hatte. Der Neuankömmling hatte seinen Reitmantel zugeknöpft, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und sich einen Schal vor die Schnauze gebunden. Er und sein Tier waren triefend nass. Der Nieselregen, der vor kurzem hier über den Strand gezogen war, hatte wohl einen großen, bösen Bruder mitgebracht, der weiter östlich gehaust hatte.
Der nussbraune Caith versicherte sich mit einem Griff in seine Weste, dass seine Messer locker saßen. Außerdem ging er in Gedanken eine Reihe von Blendwerken durch, die er schnell wirken konnte. Der vermummte machte keinen sonderlich aggressiven Eindruck. Aber man konnte nie vorsichtig genug sein.
Dann wehte ihm eine Brise eine Reihe vertrauter Aromen ins Gesicht. Starke Gerüche, die auch ein Regenguss nicht auswaschen konnte…
„Ich hab Ohrfeigen mitgebracht! Wer will zuerst?“
„Ein klein wenig der Anspannung, die Alvin fast schmerzhaft im Griff hielt, lies nach. Die Stimme der Vernunft ist eingetroffen. Und sie ist laut und beleidigend.
Der Rufer stieg ab, zog sich den Schal von der Schnauze und schlug die Kapuze zurück. Spitze, graue Ohren tauchten aus einer Mähne auf, die einen Tick dunkler war als der restliche sichtbare Pelz. Wie Casim war er ein Caith Sidhe vom Hochland. Und ein enormer dazu.
Jetzt, wo er auf Alvin zuging, war auch der Größenunterschied deutlich sichtbar. Mit fünf Fuß Körpergröße überragte er die meisten Caith um eine Handbreite. Und der Rest passte sich diesem Maß an. Breites Kreuz, mächtiger Brustkorb, dicke Arme und Beine. Selbst der athletische Casim würde neben diesem Brocken schmächtig aussehen. Sein Name war Bedewer Steinbach und er war der ältere Cousin der beiden Brüder.
„Du traurige Gestalt hättest mir eine Nachricht schicken können“, polterte er, während er sich das nasse Leder seines Mantels vom Körper schälte. „Weißt Du, wie lange ich Freund Räucherfass“, ein Zeigefinger mit ausgefahrener Kralle zuckte in Richtung Neuhafen „bearbeiten musste, damit er mit der ganzen Mär herausgerückt ist?“
Alvin sprang von seinem Aussichtspunkt herunter und lief seinem Cousin entgegen, die Ohren angelegt. Bedewer hatte diese Wirkung auf andere Leute. Er konnte eine Emotion nehmen und sie in Ärger verwandeln. Selbst tiefe Depressionen.
Seiner heftigen Entgegnung wurde die dazu nötige Luft abgeschnitten, als seine drahtige Gestalt in Bedewers Umarmung förmlich verschwand.
Mehr als die unterwarteten Arme des anderen, die ihn in ihrer gewohnten, schraubstockartigen Umklammerung hielten, überraschte Alvin die Reaktion seines eigenen Körpers. Er sackte regelrecht in sich zusammen und nutzte das bisschen Energie, dass noch übrig war, um die Umarmung zu erwidern. Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln, gerade noch so konnte er ein Schluchzen unterdrücken. „Den Göttern sei Dank, dass Du hier bist“, mehr als diese paar geflüsterten Worte brachte er nicht mehr heraus.
Bedewer blinzelte. Er hatte damit gerechnet, dass sein kleiner Cousin eine Aufmunterung nötig haben würde. Aber dieses zitternde Bündel in seinen Armen ließ ihn hilflos dastehen. Der unbehagliche Augenblick zog sich in die Länge, während er sengende Blicke auf Casims entfernten Rücken richtete. Unbeholfen tätschelte er Alvins Schulter. „Schon gut, schon gut. Er ist wieder in dieser Stimmung. Du bist erst seit zwei Jahren hier, das kennst Du ja noch gar nicht.“
Alvin hatte sich wieder weit genug gesammelt, um aus eigener Kraft stehen zu können. Verlegenheit empfand er nur kurz. Bedewer hatte ihm schon in schlimmerer Verfassung erlebt. Außerdem war da diese Bemerkung.
„Das war schon mal so schlimm? Großer, Casim sieht aus, als wolle er sich von einer Klippe stürzen!“
Der Angesprochene entließ Alvin aus seiner Umarmung und schob ihn auf Armeslänge von sich weg. Die kastanienbraunen Augen Bedewers´ begegneten den bersteingelben seines Cousins und hielten sie fest. „´Vin, Dein Bruder ist eigentlich ein sehr intelligenter Kerl. Er benutzt nur seinen Kopf zu wenig und überlässt das Denken seinen Eingeweiden. Er folgt seinem Bauchgefühl, selbst wenn sein Verstand noch so sehr dagegen anschreit. Und wenn ihm die Vernunft zu laut wird, verzieht er sich in einen Schmollwinkel.“
Sanft drehte er Alvin herum, damit er in die gleiche Richtung wie er blicken konnte. „Und so sieht das aus. Ich erzähl Dir bei Gelegenheit die Geschichte, wie ich ihn das letzte Mal so gefunden habe. Aber nicht heute.“
Alvin nickte. Eigenartigerweise machte diese Erklärung Sinn. Sein Bruder ragte selbst im an Originalen nicht armen Hochland heraus. „Schön, dass wenigstens einer von uns eine Ahnung hat, was los ist. Und wie sieht Dein Plan aus?“
Der große Caith schenkte ihm ein reißzahnbewehrtes Grinsen. Eine Grimasse, die keinen Deut Humor mehr enthielt. „Ganz einfach: Ich gehe rüber zu Herrn Dickschädel und rede mit ihm. Wenn ich Casim zur Vernunft bringen kann, legen wir einen Hinterhalt. Dann wird Meister Nicos nicht zur verabredeten Zeit eintreffen, weil er und sein Sekundant einen Umweg über den Meeresgrund genommen haben.“
„Einverstanden!“ Jemand, der den normalerweise so sanften Caith nicht so gut gekannt hätte wie Bedewer, wäre sehr überrascht gewesen, mit welcher Entschlossenheit er nun einem Mordkomplott zustimmte. „Aber was machen wir, wenn er zusammen mit den Beobachtern ankommt?“
Bedewer winkte ab. „Das wird nicht geschehen. Kalmes ist einer der Beobachter. Und der ist mir einiges schuldig. Er wird seinen Kollegen aus Kaltfels eine Weile aufhalten. Sie werden sich eine halbe Stunde verspäten. Aber das bringt uns gar nichts, solange ich Casim nicht überreden kann, mitzumachen. Nur zu zweit gehe ich einen Schwertmeister mit Begleitung nicht gerne an.“
Alvin blieb zurück, als sein Cousin an ihm vorbeiging und sich an den Rand der Böschung neben Casim stellte. Der Wind trug einige Fetzen ihres Gespräches zu ihm herüber. Nicht genug, um Worte verstehen zu können, aber den Tonfall bekam man gut mit. Bedewer begann den Wortwechsel ruhig, wurde jedoch zunehmend lauter und hörbar wütender, während Casim kurz angebunden und sehr friedlich blieb. In gleichem Maße sank die Stimmung des dritten Steinbachs einem neuen Tiefpunkt entgegen. Sein Bruder würde sich nicht umstimmen lassen, innerlich hatte er das längst gewusst.
Nach einer letzten atemlosen, ellenlangen Tirade warf der große seine Hände in einer Geste hilfloser Wut in die Luft und stapfte mit angelegten Ohren und einem, wie eine Flaschenbürste aufgeplusterten Schwanz zu Alvin zurück. Er warf sich neben ihm ins Gras, dabei ununterbrochen Obszönitäten vor sich hinmurmelnd. Es bedurfte mehrerer auffordernder Stupser gegen seine Schulter, um ihn daran zu erinnern, dass hier noch jemand war, der gerne bescheid gewusst hätte.
„Er ist fest davon überzeugt, dass er nicht dabei draufgeht“, schnaubte Bedewer. „Er hat mir ausdrücklich – das muss man sich einmal überlegen! Er hat es mir verboten! Mir! Er hat mir verboten, das Duell zu verhindern!“ In diesem Stile ging es einige Zeit weiter. Der große konnte sich großartig in seine Wut hineinsteigern.
Alvin griff schließlich in die Weste seines Cousins und förderte den Flachmann mit Weinbrand zutage, den dieser immer bei sich trug. Mit einem in sein Ohr gerufenem „Zum Wohle!“ drückte er ihm das Behältnis in die Hand und unterband so weitere Ausbrüche.
„Wir warten also“, sagte Alvin, während sein Cousin einen großen Schluck nahm.
„Wir warten und sehen zu“, antwortete Bedewer. „Er hat was vor, da bin ich sicher. Aber ich habe keinen Schimmer, was und wie verrückt.“ Sein Blick streifte die Flasche in seiner Hand. „Ich hätte mehr mitnehmen sollen.“
*****
Noch eine Stunde, bis die Sonne versunken sein würde. Casims Aufmerksamkeit wurde vom Meer weggerissen, als er Alvin rufen hörte.
Sein Bruder hatte wieder seinen Aussichtsplatz auf dem Felsblock eingenommen. Nun war er aufgestanden und winkte ihm zu, während er gleichzeitig Richtung Osten deutete. Das bedeutete, Nicos war angekommen. Der weißhaarige Caith drehte sich noch einmal zum Meer um und atmete tief durch. Dabei beschwor er einen Zustand innerer Leere herauf, in die er seine Nervosität und seine Angst fallen lies.
Als er zu seinen Freunden ging, trug er sein Kampfgesicht zur Schau. Caith waren in der Regel keine guten Kartenspieler, weil Ohren, Schnurrhaare und Schwanz ein deutlich sichtbares Stimmungsbarometer darstellten, das nur schwer zu kontrollieren war. Casim hingegen war ein ausgezeichneter Spieler, der seinen Körper perfekt unter Kontrolle hatte. Er präsentierte der Welt einen Ausdruck, der Gegner irritierte und gewisse Sippenmitglieder regelmäßig die Wände hochtrieb: absolute Gleichgültigkeit.
Was seine Wirkung nicht verfehlte. Bedewer war anzusehen, dass er ihn am liebsten in eine Ecke gestellt und stundenlang geohrfeigt hätte, und Alvin schloss die Augen und drehte sich von ihm weg. Das versetzte Casim einen Stich. Er hatte unterschätzt, wie sehr dies alles seinen kleinen Bruder mitnehmen würde. Ich mach es wieder gut, ´Vin. Ganz sicher.
Dann verbannte er Bruder und Cousin aus seinem Bewusstsein. An der, von ihm aus, rechten Seite des Felsens tauchte Nicos auf. Er war nun etwas praktischer gekleidet als auf dem Hof des Schwarzen Kopfs. Diese schwarze, kurze Lederhose war etwas weiter geschnitten und würde seine Bewegungsfreiheit nicht mehr behindern. Dafür lag das weiße Leinenhemd dichter am Körper an und würde sich sicher nicht so leicht irgendwo verfangen wie das davor.
Genau wie die anwesenden Caith trug auch der Grymm kein Schuhwerk. Das hatte sich unter den Zehengängern, zu denen beide Völker gehörten, nie wirklich durchsetzen können.
Jetzt, wo sie sich auf einem Höhenniveau gegenüber standen, war der Grymm sogar noch beeindruckender. Größe und Kraft spielten bei einem Kampf zwischen Schwertmeistern zwar nur eine untergeordnete Rolle, einschüchternd war dieser Riesenkerl aber trotzdem. Er sieht fast so stark aus wie Volkan. Ich wusste nicht, dass die Wölfe so groß werden, schoss es ihm durch den Kopf.
Hinter dem fremden Schwertmeister tauchte ein weiterer Grymm auf, der wohl sein Sekundant war. Im Gegensatz zu Nicos, dessen Fell eine Mischung aus grauen und schwarzen Partien zeigte, präsentierte dieser dunkle und helle Sandtöne. Einen ganzen Kopf kleiner und eher schmächtig, schätzte ihn Casim ein gutes Stück jünger ein. Sein Schüler? Hoffentlich nicht. Von dieser Pest gibt es ohnehin schon zu viele!
Graue Augen mit einem schwarzen Rand um die Iris zuckten zwischen den drei Steinbachs hin und her. Leichte Verärgerung war Nicos anzumerken. „Wer seid ihr und wo ist Meister Dana Steinbach?“, rief er ihnen zu.
Es hat ihm niemand bescheid gesagt? Kalmes, ich könnte Dich küssen!
Bevor Casim auch nur den Mund aufmachen konnte, sprang sein Cousin auf und richtete das Wort an den Grymm.
„Meister Nicos, wenn Sie erlauben, werde ich die Anwesenden vorstellen.“ Ohne eine Reaktion des Angesprochenen abzuwarten, deutete er auf Casim und redete einfach weiter.
„Meister Dana lässt sich entschuldigen. An ihrer Stelle tritt Meister Casim Steinbach, designierter Schwertmeister von Steinbach an.“
Casim bemerkte, wie sich Nicos´ Miene bei diesen Worten wieder etwas aufhellte. Hattest wohl schon Angst, Dir keine so große Trophäe schneiden zu können, wie Du geplant hattest, was? Du wirst Dich wundern, wie tief dieser Schnitt gehen wird.
Der große setzte seine Vorstellung fort. „Dies ist sein Sekundant, Alvin Steinbach. Und meine Wenigkeit heißt Bedewer Steinbach. Ich bin als Beobachter der Sippe Steinbach anwesend.“
„Das ist aber sehr unüblich“, entgegnete der Schwertmeister. Er bemühte sich um Höflichkeit, aber man musste kein Genie sein, um zu merken, dass es ihm nicht schmeckte.
„Gewöhnen Sie sich daran. Wir sind hier nicht in Aetien.“ Das war kurz, barsch und in einem Tonfall geraunzt, der Nicos´ Ohren praktisch an seinen Schädel drückte. In Gedanken klatschte Casim dem großen Beifall. Eine klarere Linie konnte man gar nicht in den Sand ziehen.
*****
Nicos warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf diesen Bedewer Steinbach, als er sich mit Dahid entfernte, um sich in Ruhe vorbereiten zu können. Kein Schwertmeister, aber trotzdem gefährlich. Und die Selbstverständlichkeit, mit der er sich einfach so zu einem inoffiziellen dritten Beobachter ernannte, machte deutlich, dass seine Sippe Einfluss besaß. Mehr als der Grymm einer Bande von Züchtern zugestanden hätte.
Seine Genossen hatten ihn vor der Sippe Steinbach gewarnt. „Du wirst wohl ihren Meister kriegen“ hatten sie gesagt, „aber sie werden Deine Asche auf sein Grab streuen.“
Nicos hatte das als dummes Gerede abgetan. Die Schwertmeister von Steinbach waren einst große Berühmtheiten in den Sezessions- und Nachfolgekriegen gewesen. Eine Schwertmeister-Dynastie, die ihre Namen über drei aufeinander folgenden Generationen im Buch der Helden von Aetien hinterlassen hatten. Aber das lag lange zurück, ebenso wie der Reichtum der Sippe, nachdem sich ihre Silbermine erschöpft hatte. Heutzutage züchteten sie irgendwelche Viecher. Das einzig interessante an ihnen waren die Schwertmeister, die sie nach wie vor hervorbrachten. Von denen man zwar keine großen Taten mehr hörte, deren Name aber immer noch einen guten Klang hatte. Und eine schöne Trophäe abgab.
Er hatte ein paar heruntergekommene Gestalten erwartet, die sich an den Glanz vergangener Tage klammerten. Nicht so was wie diese drei, die sich in ihrer Bedrohlichkeit am ähnlichsten waren.
Zum ersten male wurde er unsicher. Die beiden anderen Steinbachs würden es auf jeden Fall drauf ankommen lassen, wenn er ihren Verwandten umgebracht hatte. Nur der große trug offen eine Waffe, ein langes Messer. Aber in den ausgebeulten Westen konnten sich noch andere Sachen verstecken. Und Messerwerfen war Volkssport im Hochland, wie er kürzlich mitbekommen hatte.
Der Grymm fixierte seinen Gegner und benutzte seine zweite magische Fähigkeit. Seine Wahrnehmung verschob sich leicht auf die Astrale Ebene, so dass er nun Casims Aura sehen konnte.
Was ihn überraschte, war die Jugend des anderen. Das Alter von Sidhe war nur schwer einzuschätzen, da sie sich von dem Zeitpunkt an, an dem sie ausgewachsen waren, bis ins Alter hinein kaum veränderten. Dieser hier war kaum älter als 25. Und das war für einen Caith Sidhe, die über 250 Jahre alt werden konnten, so gut wie gar nichts. Die Emotionen, die sich in seiner Aura widerspiegelten, entlarvten seinen unbeteiligten Gesichtsausdruck als eine bloße –wenn auch gute- Maske. Er war sehr angespannt, erfüllt mit einer Mischung aus Erwartung und Angst. Er wusste wohl, welchem erlauchten Kreis sein Gegner angehörte.
Er ließ seinen Blick weiter zu dem kleinsten der drei wandern. Sein Alter konnte er nicht ablesen, was an der erweckten Aura des anderen lag. Alvin hatte eine aktive magische Kraft. Und wenn sich Nicos nicht sehr täuschte, dann war dies die Fähigkeit eines Blenders, eines Sinnestäuschers. Das erklärte, wieso ein Flachländer den Namen Steinbach trug. Magier waren ein beliebtes Objekt von Adoptionen. Es förderte das Ansehen einer Familie und bereicherte sie um einen wertvollen Verbündeten. Eine weitere, unangenehme Entdeckung für den Grymm.
Sollte er sein Vorhaben aufgeben? Nach kurzem Nachdenken beantwortete er diese Frage mit einem entschiedenen NEIN! So hatte er sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf einen Kampf gefreut. Was als simple Jagd nach einer ausgefallenen Trophäe begonnen hatte, war nun zu einem aufregenden Abenteuer geworden.
Sollten sie es nur versuchen. Er würde es ebenfalls drauf ankommen lassen!
*****
Bedewer entfernte sich. Die folgenden Minuten gehörten ausschließlich Casim und Alvin. Dem Schwertmeister und seinem Sekundanten.
In Alvins Körpersprache mischten sich viele widersprüchliche Emotionen. Resignation und Wut machten einen Gutteil davon aus. Er vermied den Blickkontakt mit seinem Bruder, während er das Bündel öffnete, das sich nun schon den ganzen Tag in seiner Obhut befand.
Viel war es eigentlich nicht, wenn man bedachte, dass jemand damit sein Leben schützen sollte: Ein gestepptes Lederwams, ein Schulterschutz, Armschienen und Oberschenkelschützer aus festem Leder, auf dem eine Lage Kettengeflecht befestigt war. Und ein Paar Schwerter. Die wenigsten Schwertmeister rüsteten sich komplett, bevor sie ein Duell angingen. Sie zogen größtmögliche Beweglichkeit vor und vertrauten auf ihr drittes Auge als wahren Schutz.
Das Anlegen der Ausrüstung war eine schnell erledigte und problemlose Aufgabe. Alvin war seinem Bruder oft genug zur Hand gegangen. Schließlich reichte er ihm seine Waffen.
Casim zog blank. Der Schwertmeister ließ sein Augenmerk einen Moment auf diese treuen Gefährten verweilen. Schläger und Beißer waren ihre Namen. Bedewer hatte sie in einer Bierlaune so getauft und ihr Besitzer hatte es dabei belassen. Irgendwie passte es.
Die Schwerter waren nichts Besonderes. Robuste Arbeitsgeräte ohne jeden Schmuck. Jeweils zwei Fuß lang vom runden Knauf bis zur Spitze, einschneidig und die Spitze lief in einen Entenschnabel aus, wie man es manchmal bei großen Messern sah. Die Parierstange zog sich an der Vorderseite hinunter und bildete so einen Handschutz, wie es auch bei Waffen üblich war, die auf See benutzt wurden.
Damit waren die Vorbereitungen abgeschlossen. An dieser Stelle wünschte ihm Alvin normalerweise Glück. Stattdessen starrte er Casim in die Augen und flüsterte: „Sag mir, das Du einen Plan hast.“
Casim lockerte seine Körperkontrolle weit genug, um seinem Bruder ein warmes Lächeln zu schenken. „Natürlich hab ich einen Plan. Ich bin vielleicht verrückt, aber nicht völlig verblödet.“
„Und Dein Plan ist so verrückt, dass Du ihn uns nicht erklären willst!“
Weiterzulächeln, als ob er die hilflose Wut, die ihm entgegenschlug, nicht bemerken würde, kostete Casim eine Menge Kraft. Da hab ich eine Menge wieder gutzumachen. „Du machst Dir zu viele Sorgen, ´Vin. Wenn es zu eng wird, werde ich mich selbst schneiden. Bis zu ersten Verletzung, erinnerst Du Dich?“ Er zwinkerte ihm verschwörerisch zu, bevor er sich umdrehte.
Kalmes und der Beobachter aus Kaltfels waren inzwischen eingetroffen. Ein orangebrauner Fay, der sich als Feik Eisennagel vorstellte. Beide hatten ihre Roben gegen die in der Gegend üblichen – und praktischeren - kurzen Hosen, Westen und Reitmäntel eingetauscht. Auch Nicos hatte sich ausgerüstet – wenn man es so nennen wollte. Zusätzlich zu Hemd und Hose trug er nun lederne, mit Buckelnieten besetzte Stulpen an den Unterarmen und einen Schulterschutz ähnlicher Machart. Bewaffnet hatte er sich mit dem gekrümmten Schwert, mit dem Casim ihn schon im Hof des Schwarzen Kopfes gesehen hatte.
Die allgemeine, gegenseitige Begrüßung fiel distanziert und spürbar kühl aus. Kalmes wie Feik war das Unbehagen anzusehen. Der Lauf, den die Ereignisse gegangen waren, gefiel sicher keinem von beiden. Sie hielten auch deutlich Abstand vom dritten „Beobachter“, der oben auf dem Fels Platz genommen hatte und nun wie eine dunkle Gewitterwolke auf die Versammelten herabblickte.
„Sie haben sich einen schönen Platz für den Vergleich ausgesucht, Meister Casim“, rief Kalmes in dem Versuch, die eisige Stimmung ein wenig aufzuwärmen und das allgemeine Schweigen zu brechen. „Ich muss gestehen, dass ich diesen Abschnitt der Küste noch gar nicht kannte.“
Casim nickte einmal kurz und richtete seinen Blick wieder Richtung Meer. „Den Strand finde ich sogar noch schöner“, erwiderte er.
Stirnrunzelnd kam der rote Fay näher und schaute die Böschung hinunter. „Strand? Welcher Strand?“ Alles, was er sehen konnte, war Wasser.
„Na dieser Strand!“, lautete die Antwort des Caith. Dann sprang er die sieben Fuß bis zur Wasseroberfläche hinunter, welches sich gleich darauf als nur knöcheltief herausstellte. „Hier werden wir den Kampf austragen!“
Kalmes wechselte einen schnellen Blick mit Feik und Nicos, die offensichtlich genau so irritiert waren, wie er selbst. „Ah, dieser Strand. Ihnen ist bewusst, dass die Flut bereits eingesetzt hat?“
Ein Flattern mit den Ohren wurde ihm geschenkt, welches man auch als Abwinken deuten konnte. „Heute ist nur Nippflut. Das Wasser wird nicht höher als hüfthoch steigen. Außerdem bin ich mir sicher, dass wir lange vorher fertig sein werden.“
Was immer Kalmes auch dazu noch zu sagen gehabt hätte, es wurde ihm abgeschnitten, als Nicos das Wort ergriff. „Lassen wir es dabei bewenden, Amtmann. Die Wahl des Ortes lag bei Ihrer Partei, also werde ich diese Narretei hinnehmen.“ Damit sprang er ebenfalls hinunter ins Wasser.
*****
Alvin trat zusammen mit den anderen Anwesenden an den Rand der Böschung und sah dabei zu, die die Duellanten einander gegenüber Aufstellung nahmen. Bedewer trat neben ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Er hat gesagt, dass er sich selbst verletzen wird, wenn es knapp wird“, raunte Alvin, so dass nur sein Cousin es hören konnte. „Glaubst Du daran?“
Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens nickte Bedewer. „Ja, das kann ich mir gut vorstellen.“ Was er nicht sagte war: Ich kann mir auch gut vorstellen, dass mir plötzlich Flügel wachsen und ich über den Mond fliege.
*****
Die Kontrahenten standen sich gegenüber für die traditionellen, letzten Worte. Casims grüne Augen trafen die grauen seines Gegenübers und beide versuchten, sich nieder zu starren.
Der Caith ergriff als erster das Wort. Und anstatt seinem Gegner einen guten Kampf zu wünschen, beschloss er, den Kurs sofort auf Angriff zu setzen. Diesen Abschaum würde er nicht mit Höflichkeit behandeln!
„Mistkerle wie Du bringen unseren Stand in Verruf. Glaub nur nicht, dass Du von dieser Insel noch mal runterkommst“, zischte er ihm zu. Es wurde spürbar kälter zwischen den beiden.
Nicos zuckte vor der schieren Bösartigkeit dieser Eröffnung zurück. Er weiß, was ich bin, und trotzdem reißt er mir gegenüber so das Maul auf? Ich habe es mit einem Irren zu tun! Er entschied sich, den Mund zu halten. Hier war bereits alles gesagt. Stattdessen trat er einen Schritt zurück und hob das Schwert grüßend vor sein Gesicht. Sein Drittes Auge öffnete sich weit, dann rief er: „Ich sehe Dich!“ Diese Worte waren die traditionelle Kampferöffnung zwischen Schwertmeistern.
Auch Casim entfernte sich einen Schritt von seinem Gegner. Beißer und Schläger kreuzten sich vor seinem Gesicht. „Ich sehe Dich!“ Danach gingen beide Kontrahenten in Angriffstellung. Das Duell hatte begonnen.
Ein Duell, das für den uneingeweihten Beobachter nicht stattfand. Keiner der Widersacher bewegte sich, sie fixierten einander nur. Der informierte hingegen wusste, dass nun eine Schlacht tobte, die die Vorstellungskraft der meisten Leute sprengte.
Das Dritte Auge befähigt einen Schwertmeister, die Bewegungen seines Gegners zu durchschauen und seinen nächsten Zug vorherzusehen. Aber er kann sich nicht davor schützen, selbst von einem anderen Dritten Auge durchschaut zu werden.
Stehen sich zwei Schwertmeister gegenüber, werden sie jede Aktion des anderen schon im Ansatz erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen, was natürlich sofort wieder durchschaut wird, und so weiter. Es ist eine Form des Kampfes, die hohe mentale Disziplin, Konzentration, Geistesgegenwart, Reaktionsschnelligkeit und Ausdauer erfordert. Sieger ist, wer das geistige Duell länger durchhält. Üblicherweise gibt es nur einen einzigen, wirklichen Angriff: den letzten.
Schwertmeister kreuzen keine Klingen, sie bekämpfen sich mit Möglichkeiten. Und das ist auch der Name, den der Volksmund einem Duell zwischen Schwertmeistern gegeben hat: Kampf der Möglichkeiten.
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Ende Teil 2
Category Story / General Furry Art
Species Mammal (Other)
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