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Vorhergehendes Kapitel / Erstes Kapitel / Nächstes KapitelFive Dragons: DLvP: Kapitel 20: Der Verrückte im WaldMit Kyndle an seiner Seite schritt Roland durch den Flüsterwald, immer noch auf der Suche nach diesem Ansem. Etwas planlos folgten sie den Waldwegen und wanderten ziellos durch das Dickicht. Erschöpft und durstig legten sie schliesslich an einem schmalen Fluss eine kurze Pause ein. Den schweren Rucksack auf den Boden gestellt, hielt er seinen Trinkschlauch in das fliessende Wasser und füllte ihn wieder auf. Im Anschluss verstaute er ihn in der Tasche und schöpfte mit der Hand etwas Wasser zum Mund. Danach setzte er sich erschöpft in den Schatten unter einen Baum nahe des Ufers, wo er seinen Rücken an der Rinde anlehnte.
Kyndle stand neben ihm und tauchte ihre Schnauze in die schwache Strömung, löschte ebenfalls ihren Durst. Mit einer schnellen Bewegung schwenkte sie ihren Kopf elegant nach oben, wobei sie einen grösseren Spritzer auf Roland warf. Das kühle Nass traf sein Ziel und brachte ein leichtes Schmunzeln in dessen Gesicht. Roland versuchte sie ernst anzusehen, scheiterte aber an ihrem unschuldig wirkenden Blick. Er betrachtete das helle Funkeln aus ihren tiefblauen Augen und erkannte den Türkishauch darin.
Das orangerote Weibchen kam langsam näher an ihn heran und gurrte leise. Mit halb geschlossenen Augen sah sie ihren Partner verliebt an. Roland erwiderte ihre Geste und hielt ihr eine Hand an die Wange. Ein warmes Lächeln lag auf seinem Mund, als sich Kyndle mehr gegen seine Berührung lehnte. Beide legten liebevoll die Stirn aufeinander und horchten dem leisen Summen des Anderen. Das Weibchen legte sich leise schnurrend neben ihn und rieb mit ihrer Stirn sanft auf seiner, was die durch die schwachen Vibrationen ihres Schnurrens verstärkte Berührung noch zusätzlich verschönerte.
Nachdenklich blickte er zum Himmel hoch, schaute den sich bereits leicht verfärbten Schimmer am Horizont an. „Ich hoffe, wir finden diesen Ansem vor Sonnenuntergang“, dachte er sich. „Sonst müssen wir zurück und uns in Ascom eine Unterkunft suchen.“ Er liess seine Finger über ihren Kopf die Halsschuppen herunterfahren und weckte in ihr ein schwaches Murren. Seinen anderen Arm legte er auf ihren Rücken. „Im Nachhinein wäre es aber klüger, ein Nachtlager im Wald aufzuschlagen, als zu diesen Leuten zurückzukehren“, wägte er gedanklich ab, als er ihrem sanften Summen lauschte. Kyndle schmiegte sich näher an ihn heran und legte sich über seine Beine. Den Kopf an seiner Brust platziert, schnurrte sie glücklich vor sich hin und hielt geniessend die Augen geschlossen.
Die Wärme seiner Partnerin spürend, begann seine Gedankenstimme leiser zu werden. Die Umgebungsgeräusche gerieten mehr und mehr in den Hintergrund, bis sie schliesslich ganz verstummten. Nur noch ihr sanftes Atmen und ihre seelische Nähe waren präsent. Seine Drachin im Arm haltend, spürte er das tiefe Band zwischen ihren Seelen. Ihr Herzschlag war seiner und der Seine gehörte ihr. Wie in Trance lagen sie im Schatten unter dem Baum, den sinnlichen Kontakt geniessend.
Er kam jedoch schnell wieder zu sich, als er fremde Geräusche vernahm. Es klang, als würde jemand eine Melodie pfeifen. Verwundert suchte sein Blick den breiteren Bach ab und kurz darauf erkannte er eine Person, die ein längeres Stück den Flusslauf abwärts am Ufer stand und scheinbar etwas ins Wasser warf. Neugierig stand Roland auf und versuchte zu erkennen, was die Person da trieb. Kyndle gab ein leises „Meep“ von sich, als er sich aus der schönen Umarmung löste, doch sie hörte die fremden Laute ebenfalls und wollte genauso wissen, von wem diese sein könnten.
Langsam schritten beide den Bachverlauf entlang auf die Person zu, die am gegenüberliegenden Ufer stand. Sie trug die Reste einer einst vornehmlichen blauen Robe, welche allerdings stark ramponiert war. Die Ärmel waren bis unterhalb der Ellbogen ausgefranst und die Farbe bereits stark ausgebleicht. Die Melodie klang verträumt und Roland schien es, als würde er sie kennen. Doch das Seltsamere war, dass der unbekannte Mann einen grösseren Holzklotz ins Wasser warf, wartete bis er leicht davon trieb, ihn an einem Seil wieder herauszog und ihn dann erneut auswarf. Skeptisch verfolgte Roland eine Weile das seltsame Schauspiel und hob verwundert seine Augenbrauen. „Was bezweckt er damit nur?“, fragte er sich gedanklich. Kyndle sass neben ihm und schnaubte kopfschüttelnd in die Richtung des Fremden.
Das Holz erneut ausgeworfen bemerkte der Mann plötzlich die beiden Zuschauer, welche ihn kritisch beobachteten. Schnell verstummte sein klangvolles Pfeifen und der Unbekannte sah Roland mit grossen Augen direkt an. Einen langen Augenblick stand er völlig regungslos da.
Erschrocken zuckte er schnell zusammen und zog panisch seinen Holzklotz aus dem Bach. Das Ding in Händen haltend begann er eilig davonzurennen, machte aber kurz darauf einen unerwarteten Stopp und drehte sich wieder zu Roland und seiner Drachin um.
Verwirrt sahen beide den Mann an, welcher nun vollkommen gelassen und aufrecht gehend auf sie zukam. Sein vorhin so panischer Blick wirkte nun ruhig und seine Augen waren auf den Bach gerichtet. Er warf seinen Holzklotz nach vorne ins Wasser. Anschliessend stiess er seine Arme mit zusammengehaltenen Händen nach vorne und bewegte sie vor sich auseinander. Das Holz im Bach knackte laut und begann grösser zu werden. Es wurde immer länger, bis es schliesslich eine stabile Holzbrücke bildete. Verwundert schaute Roland dem magischen Schauspiel zu.
Der Mann stand mit ernstem Gesicht auf der anderen Seite und seine Miene wandelte sich schnell zu einem unsicheren Verhalten. Paranoid wich sein Blick hektisch herum, bis er schliesslich einen Mann und ein Drachenweibchen bemerkte. Erschrocken nahm er wieder die Beine in die Hand und lief eilig davon.
Roland warf einen kurzen Blick zu Kyndle, die ihn ebenfalls ansah. „Das war er bestimmt!“, betonte er zuversichtlich. Kyndle gab ein bestätigendes „Churr“ von sich. Beide nickten sich zu, bevor sie über die hölzerne Brücke schritten und die Verfolgung des Fremden aufnahmen.
„Für einen alten Mann ist er noch ziemlich flink auf den Beinen“, keuchte er schwer atmend vor sich her. Mit schnellen Schritten folgte Roland dem Mann, kam ihm aber nicht näher. Kyndle gab ein forderndes „Churr“ von sich, steigerte mit Leichtigkeit ihr Tempo und hatte nach nur wenigen Augenblicken aufgeholt. Ein kindliches Kichern kam von dem Mann, der plötzlich stehen blieb, sich umdrehte und eine flache Hand hoch hielt. Ein kräftiges „HALT!“ folgte auf seine Geste. Die Drachin stemmte alle Beine in den Boden und spreizte ihre Flügel auseinander, bevor sie ihn beinahe umgerannt hätte. Die ausgestreckte Hand vor ihrer Nase ansehend, schnaubte sie stark dagegen und blickte den alten Mann verwirrt an.
Der Unbekannte zog seinen Arm zurück und schaute der Drachin mit einem verrückten Blick in die Augen, sein rechtes unteres Augenlied zuckte dabei leicht. „Tschö mit ö!“, rief er laut und schnippte mit beiden Händen gleichzeitig. Mit einem hallenden Knall entstand eine dichte Rauchwolke um ihn. Roland hatte gerade aufgeholt, als sich der Schleier mit einem leisen Kichern verflüchtigte und der Mann verschwunden war. Kyndle schnupperte neugierig in der Luft, doch der Geruch des Fremden war zusammen mit der Rauchwolke verschwunden.
Nachdenklich griff sich Roland an den Hinterkopf und liess seinen Blick hektisch herum wandern. „Wo ist er bloss hin?“, fragte er laut vor sich hin. Das Weibchen schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihre Umgebung. Doch konnte sie keine anderen Geräusche hören und auch keine fremden Gerüche lagen in der Luft. Die Lider wieder geöffnet beobachtete sie die stille Umgebung. Ein einziges Blatt schwebte fast schon schwerelos an ihrem Gesicht vorbei nach unten. Das Seltsame daran war, dass es dunkelgrün war und nicht braun wie die restlichen auf dem Boden. Verwundert hob sie im Anschluss ihren Blick zu der Baumkrone hoch. Roland schritt neben sie und warf seine Aufmerksamkeit ebenfalls nach oben. Er legte ihr seine Hand auf den Rücken und schaute zwischen die Äste.
Ein sich bewegender Schatten war hinter dem dichten Laubdach zu erkennen. Kyndle schaute mit einem aufgeweckten Blick zu ihrem Partner. Roland lächelte sie an, als das helle Funkeln ihrer tiefblauen Augen ihn traf. Der Türkishauch darin schimmerte, während ein leises Gurren aus ihrem Körper kam. Zuversichtlich nickte er seiner Drachin zu.
Kyndle ging auf den Stamm des Baumes zu. Elegant drehte sie sich um und stemmte ihre Vorderbeine in den Boden. Die Hinterbeine gehoben trat sie kräftig gegen das Holz. Der Baum knarrte laut bei der Erschütterung und schwenkte leicht zur Seite. Mit verschränkten Armen beobachtete Roland die Baumkrone, in welcher sich nervöse Bewegungen bemerkbar machten, begleitet von einem leisen, hektischen Wimmern.
Kyndle trat ein weiteres Mal gegen den Stamm und die Bewegungen wurden immer deutlicher, bis schliesslich mit einem Knacken ein Ast brach und ein älterer Mann zu Boden fiel. Kyndle gab ein bestätigendes „Meep“ von sich und näherte sich leise gurrend dem Fremden, der nun vor Roland auf der Erde sass.
Leicht zittrig hockte er auf dem Hintern und zuckte nervös mit dem Kopf, während seine Augen hektisch hin und her gingen. Roland kniete sich zu ihm herab und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Etwas erschrocken zuckte der Mann mit dem Kopf zwischen die Schultern. „Mister Mankey?!“, sprach er laut und sah verwirrt zu Kyndle. Das Weibchen schüttelte schnaubend den Kopf und sah ihn mit schräggehaltenem Gesicht und hochgestellten Ohren fragend an. Roland packte ihn bei den Oberarmen und stellte ihn auf die Füsse. „Nur die Ruhe, wir tun dir nichts“, versuchte er ihn zu beruhigen. „Nein, nein! Wir haben keinen Löffel“, entgegnete der Mann und blickte geistig abwesend auf den Boden, während er sich am Hinterkopf kratzte. Danach richtete er sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Oh ja, da wird den Steinen das Lachen noch vergehen. Die Kiste hat nämlich alle gefressen.“
Entgeistert warf Roland seinen Blick zu Kyndle, welche ihn mit halb geschlossenen Augen ansah und ein skeptisches „Chirp“ von sich gab. Ein langsames Kopfschütteln fügte sie dem hinzu. Roland atmete einmal gelassen aus und wandte sich wieder dem Mann zu. „Seid ihr Ansem?“, fragte er gerade heraus. Der Blick des Mannes weitete sich schlagartig und er liess seinen Mund weit offen stehen.
Im nächsten Moment stellte er sich aufrecht hin und wirkte nun völlig gelassen. Stolz blickte er Roland an. „Ansem Mathias Tiberius, Erzmagier der Drei Türme. Zu euren Diensten, Roland“, stellte er sich vor und machte eine leicht vorgebeugte Geste. Überrascht sah Roland den Mann an. „Woher kennt ihr denn meinen Namen?!“, wollte er wissen. Kyndle neigte ihren Kopf leicht zur Seite und gab ein fragendes „Chirp“ von sich. Etwas deplatziert rümpfte Ansem die Nase und sah ihn leicht verwirrt an. Er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, warf dann aber seine Stirn in Falten und schaute leer zu einem Baumstamm, als würde dort jemand sein. „Der Tickt wirklich nicht richtig!“, dachte sich Roland und sah schulterzuckend zu Kyndle, welche ihn mit schrägem Gesicht und aufgestellten Ohren anblickte.
Ansem hob einen Zeigefinger und schwenkte ihn in einem weiten Bogen vor Rolands Nase. „Nun, ich hab das Buch schon einmal gelesen“, antwortete er knapp und schenkte ihm ein kurzweiliges, verlegenes Lächeln, bevor sein rechtes Auge anfing zu zucken und er sich wieder paranoid umschaute. „Da, siehst du, ich habs ihm gesagt.“
Völlig entgeistert starrte Roland ins Leere. „Was für ein Buch?!“, fragte er laut in sich und griff sich hektisch an den Hinterkopf. Kyndle stupste ihn kurz in den Arm und holte seine verwirrten Gedanken wieder auf den Boden zurück. Er nickte ihr zu und atmete einmal tief durch. „Neuer Versuch“, dachte er zuletzt.
„Warum seid ihr vor uns geflohen?“, wollte Roland wissen. Ansem sah ihn skeptisch an. „Geflohen? Nein, ihr habt mich verfolgt“, argumentierte er. „Was wollt ihr von uns?“ „Ich brauche …“, kurz stockten seine Worte, als er den alten Mann skeptisch ansah, das seltsame Funkeln in dessen Augen entdeckte. „eure Hilfe, um ein Medium anzufertigen“, erklärte Roland und schaute ihn hoffnungsvoll an. Nachdenklich wich Ansems Blick zur Seite und er zog leicht seine Augenbrauen zusammen. Anschliessend stellte er sich aufrecht hin und starrte erneut zu dem Baumstamm. „Mehr ist dir nicht eingefallen?“, fragte er laut heraus und grinste künstlich. Kurz danach wandte er sich wieder Roland zu, dabei setzte er ein seltsames Schmunzeln auf. Er hielt ihm ein rotes Blatt entgegen und sah ihn mit einem Zucken im rechten Auge an. „Herr Blinky zeigt den Weg“, sprach er mit verzogenem Gesicht und legte das Blatt in Rolands Hand. Zögerlich nahm er es von ihm entgegen und schaute leicht überfordert in seine Augen. Ein breites Grinsen fügte Ansem dem hinzu und warf seinen Blick wieder auf den Boden.
Nervös zuckte er mit seinem Kopf und starrte wieder abwesend in den Himmel. Roland bemerkte erneut dieses verrückte Funkeln in seinen Augen wie vorhin. Gebeugt näherte sich Ansem Roland. „Mister Mankey sagt: Die Schuppe gehört auf die Hand“, flüsterte er ihm zu. Verwirrt blickte Roland den Mann an, welcher sich kichernd zwischen die Bäume bewegte. „Die Gleichung braucht zwei“, brabbelte Ansem vor sich hin und zuckte mit dem Kopf nach rechts. „Nein, keine Teller, sonst läuft der Tisch aus.“ Leicht nervös wuselte er hin und her, bis er schliesslich hinter einem Stamm verschwand. „Nein, nein. Ich lache zuletzt. Teigwaren heissen Teigwaren, weil Teigwaren mal Teig waren…“
Völlig sprachlos blieb Roland stehen und sah dem Mann hinterher, das rote Blatt in seiner Hand haltend. „Moment mal! Was soll ich damit denn anstellen?!“, rief er Ansem nach und hielt das Blatt dabei hoch. Doch es kam keine Antwort, da er bereits verschwunden war als Roland um den Stamm herumging. Nachdenklich betrachtete er das rote Blatt genauer. Es schien nicht von den Bäumen hier zu stammen, die Form war dafür zu lang.
Skeptisch starrte er es an. „War das jetzt ein totaler Fehl… Ahh!“ Vor seinem Gesicht entzündete es sich unverhofft, worauf er es erschrocken fallen liess. Kyndle hörte sein leises Aufstöhnen und sah ihn amüsiert gurrend an. Ein schwaches „Chirp“ fügte sie ihrem fragenden Blick hinzu. Roland schaute sie leicht verlegen an. „Nichts passiert“, beteuerte er leise und wandte sich dem brennenden Blatt zu. Das Weibchen gurrte zufrieden und schloss kurz ihre Augen, bevor sie ebenfalls die kleine Flamme auf dem Boden ansah.
Neugierig schnupperte sie an dem brennenden Blatt und plötzlich bewegte sich die Flamme auf dem Boden. Schnell ging sie einige Male im Kreis herum und hinterliess dabei eine dünne, leuchtende Spur. Erstaunt beobachteten beide das flinke Feuer. Kurz darauf schnellte die kleine Flamme in den Wald und zog hinter sich diese schimmernde Spur nach. Zuversichtlich schaute Roland seine Drachin an. „Wer zuerst da ist!“, forderte er sie heraus, zwinkerte ihr einmal zu und rannte eilig der Flamme hinterher. Kyndle liess sich dies nicht zweimal sagen und sprintete mit einem fröhlichen „Meep“ ebenfalls der Spur nach.
Schwer atmend bewegte er sich zwischen den Stämmen hindurch. Sein Rucksack mit den nicht gerade leichten Objekten darin machte dies nicht wirklich einfacher. Kyndle hingegen bewegte sich mit flinken, eleganten Schritten an ihm vorbei und streckte ihm dabei neckisch die Zungenspitze heraus. „Na warte!“, dachte er sich und versuchte, sein Tempo weiter zu steigern, schaffte es aber nicht. Die Leuchtspur machte eine scharfe Rechtskurve, welche Kyndle mit Leichtigkeit nahm. Sie sprang aus dem Sprint heraus an einen Baumstamm und stiess sich kräftig davon ab. Roland versuchte es ähnlich. Er griff sich einen niederen Ast und schwang sein Gewicht so um die Abbiegung, ohne viel Tempo einzubüssen.
Vor ihm war eine kleine Lichtung zu erkennen, in welcher die kleine Flamme schnell im Kreis wanderte. Kyndle traf zuerst ein und blieb vor dem dünnen Flammenring stehen. Roland wollte seine Geschwindigkeit ebenfalls bremsen. Sein linker Schuh rutschte jedoch nach vorne, was ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Der schwere Rucksack brachte zudem genug Wucht mit sich, um Roland nach vorne kippen zu lassen. Innerlich machte er sich bereit, unsanft im Dreck zu landen und schloss dabei die Augen. Doch der erwartete Aufprall blieb aus. Verwundert öffnete er die Augen und sah vor sich den Waldboden, welcher nicht näher kam. Den Blick zurück geworfen, betrachtete er Kyndle. Sie hatte sich in dem Rucksack verbissen und hielt ihn so davon ab, im Dreck zu landen. Ein etwas verlegenes Schmunzeln lag auf seinem Mund, während er so an dem Rucksack hing. Kräftig zog sie ihn zurück und liess dann von der Tasche ab. Mit einem hellen Funkeln in ihren tiefblauen Augen sah sie ihren Partner erleichtert an. Roland schaute in den schimmernden Türkishauch und lächelte sie dankbar an. Er streichelte ihr mit der Hand über die Nase und drückte ihr einen schnellen Kuss auf. „Das nächste Mal trägst du den Rucksack“, bemerkte er neckisch und zwinkerte ihr einmal zu. Das Weibchen gurrte leise und schnaubte ihn anschliessend mit geschlossenen Augen stark an.
Roland schaute sich erst einmal auf der kleinen Lichtung um. Nichts war zu erkennen. Kein Haus, keine Höhle, nicht einmal ein Loch befand sich hier. Etwas verwirrt wandte er sich der kreisenden Flamme zu. Mit einem lauten Knall verpuffte das kleine Licht und hinterliess nur einen schwach schimmernden Kreis auf dem Boden. Beide zuckten bei dem lauten Geräusch erschrocken zusammen und blickten sich gegenseitig fragend an.
Die Fläche innerhalb des Kreises begann sich zu verändern: Aus dem erdigen Waldboden wurde plötzlich eine weissgraue Kiesfläche. Skeptisch betrachtete Roland die vielen Steinchen. „Hhm?“, brummte er leise vor sich hin und machte einen mutigen Schritt darauf. Als er in dem Kreis stand, weitete dieser sich ein grosszügiges Stück, was auch die Kiesfläche vergrösserte. Das Weibchen machte darauf einen erschrocken Sprung zurück. „Aha!“, gab Roland zuversichtlich von sich und sah zu seiner skeptisch schauenden Drachin. „Komm, stell dich neben mich“, forderte er sie auf und winkte sie zu sich heran. Kyndle hob leicht ihren Kopf und machte einen winzigen Schritt nach hinten. „Keine Angst. Dir wird nichts passieren, versprochen“, versicherte er ihr und lächelte seine Drachin warm an. Unsicher schnupperte sie einmal an dem schimmernden Ring und machte zögerlich die ersten Schritte auf Roland zu. Neben ihm angekommen schmiegte sie sich ganz nahe an ihn und lehnte ihren Kopf ängstlich an seine Brust.
„Kyndle?“, hörte sie seine ruhige Stimme. „Du kannst die Augen wieder aufmachen.“ Sie spürte, wie seine Hand dabei sanft über ihre Wange strich. Langsam öffnete sie ihren Blick und betrachtete nun ein kleines, idyllisches Häuschen. Sie stand mit Roland auf einem breiten Kiesplatz vor dem kleinen Gebäude. Daneben war ein grosser Unterstand aufgestellt, unter dem sich ein Ofen befand. Er sah denjenigen, welche in den Schmieden verwendet werden, sehr ähnlich. Nur war dieser ein gutes Stück kleiner und es befanden sich keinerlei Russspuren darauf. Entweder wurde dieser gerade gereinigt, oder er wurde nicht als Schmiedeofen verwendet. Ein kleiner Garten befand sich auf der anderen Seite des Hauses, in dem viele unterschiedliche Kräuter und Beeren wucherten. Verwirrt schaute Roland zum Himmel. Er strahlte mit einem wolkenlosen Blau, nur war keine Sonne zu sehen.
Die Tür des Hauses war nicht verschlossen. Sie stand sogar ein Stück weit offen. Neugierig gingen beide darauf zu. Roland stiess sie leicht an und mit einem leisen Quietschen fiel die Tür ganz auf. Verwundert betrachteten sie den Raum. Dieser konnte unordentlicher nicht sein. Niedere Metallständer waren in dem grossen Raum platziert. Die kristallenen Spitzen leuchteten schwach und spendeten etwas Licht. Der Schimmer wechselte fliessend von grün zu blau, über rot zu gelb. Dann begann es von vorne.
„Hallo? Ist Jemand zuhause?“, fragte er laut in den Raum hinein und machte die ersten Schritte in das Haus. Kyndle folgte ihm geduckt.
Kleidungsstücke, Kissen und allerlei Krimskrams lagen chaotisch verteilt herum, als hätte ein Wirbelsturm gewütet. Einige davon schwebten sogar. Kyndle schnupperte aufgeregt an den vielen seltsamen Dingen. Roland nahm unterdessen die Möbel in Augenschein.
Ein runder Tisch lag verkehrt herum auf dem Boden, die vier Stühle dazu waren auf den Tischbeinen platziert, mit jeweils einem Teller auf der Sitzfläche. Dahinter befand sich anscheinend die Küche. Ein kleiner Herd stand neben einem breiten Waschbecken. Darüber befand sich eine offene Leitung, aus der Wasser in das Becken lief. Seltsam daran war nur, dass das Wasser aus dem Becken hoch in die Leitung floss. Auf der Herdplatte stand ein grosser Topf, in dem sich etwas Suppenartiges befand. Die Platte war kalt, doch kochte die Flüssigkeit leicht vor sich hin.
„Wie geht sowas?“, wunderte sich Roland und schaute verwirrt zur Decke hoch. Ein grosser Teppich befand sich darauf und direkt über ihm war ein Bett. „Ich glaube, wir warten besser draussen“, wandte er sich an Kyndle und schritt zurück zum Eingang.
Kaum hatte er die Tür erreicht, fiel sie plötzlich von selbst zu. Dahinter in der Ecke kam Ansem zum Vorschein, der mit einem leichten Zucken in den Augen auf ihn zuging. Roland hob entschuldigend die Hände „Tut uns Leid. Die Tür stand offen und wir wollten nicht …“ „Nicht hier, nicht hier“, unterbrach er ihn stammelnd mit zittrigen Händen. Dann richtete er sich wieder auf und sah gelassen zu Roland. „Fragt doch ihn?“, sprach er ruhig und zeigte mit einem Finger auf ihn. Verwundert sah Roland den Erzmagier an und holte Luft, um zu sprechen. Doch in dem Moment wich Ansems Blick wieder hektisch zur Seite. „Warum?“, warf er mit einer mehr keuchenden Stimme ein und schaute mit einem finsteren Blick zu Roland. „Der ist nicht von uns.“
Ansem richtete sich wieder etwas auf und schaute nervös im Raum umher. Seine Hände begannen ebenfalls zu zittern. „Wo nur, wo sind sie?“, fragte er beinahe panisch und ging suchend im Raum herum. „Er hat gesagt sie würden kommen.“
Kyndle bekam davon nicht allzu viel mit. Sie war ganz und gar in die Erkundung des merkwürdigen Raumes vertieft. Einer der Wandschränke war nicht geschlossen, und so konnte sie mit ihrer Nase die kleine Tür aufdrücken und ihren neugierigen Blick in sein Inneres werfen. Mit einem leisen verspielten „Meep“ zog sie den Gegenstand darin heraus und stellte ihn vor sich auf den Boden, wo sie gleich wunderlich daran schnupperte.
Das Weibchen hatte ein Stofftier gefunden, welches wie ein Drache aussah. Mit schräggehaltenem Kopf sah sie in die kleinen, runden Knopfaugen und gab ein begrüssendes „Chirp“ von sich.
Roland hörte ihre Laute und sah den kleinen Plüschdrachen vor ihr. Ansem richtete seinen suchenden Blick ebenfalls darauf. „Ah!“, gab er laut von sich und stürmte auf Kyndle zu. Diese nahm eine etwas aggressivere Haltung ein und legte ihre Ohren steil nach hinten, als sich dieser Mann schnell näherte. Verwundert wich ihre Haltung aber einem verwirrten Blick, als sich Ansem das Stofftier schnappte und zurück zu Roland ging.
Der Erzmagier streichelte dem Stoffdrachen über den Kopf. „Mister Mankey“, sagte er zu ihm und hob ihn vor sein Gesicht. „Habt ihr sie gesehen?“ Fast schon verzweifelt schaute er in die kleinen Knopfaugen.
Völlig entgeistert beobachtete Roland das Ganze und wusste nicht genau, was er davon halten sollte. Kyndle stand mittlerweile wieder neben ihm und konnte ihren Blick nicht von dem Stofftier ablassen.
Roland erkannte, wie sich Ansems Augen wieder veränderten. Dem verzweifelten Zittern wich erneut ein gelassenes Glänzen. Verwundert hob Ansem eine Augenbraue und stellte den Stoffdrachen nüchtern auf die Kommode neben ihm. Den Blick zu Roland und Kyndle gerichtet hielt er sich die Hände zusammen. „Entschuldigt die Unordnung“, begann er ruhig und schmunzelte. „Meine Mitbewohner sind nicht gerade die Ordentlichsten.“ Kurz wich sein Blick rasch zur Seite und er verzog sein Gesicht zu einer finsteren Miene. „Der Dumme hält Ordnung, das Genie beherrscht das Chaos“, keuchte er mit einem breiten Grinsen. Er schloss kurz die Augen, atmete tief ein und schüttelte einmal den Kopf. Schnell hatte er sich wieder gefangen und sah Roland erneut mit seinen ruhigen Augen an.
Skeptisch blickten ihn Roland und Kyndle an. Ansem hob eine Hand. „Ich weiss, was ihr denkt. Aber deswegen seid ihr nicht hier, oder?“, erkundigte er sich und sah den jungen Mann ernst an. „Ähm, ja“, gab Roland zögerlich als Antwort. „Aaros hat mir gesagt, ihr würdet mir helfen können, ein Medium herzustellen.“
„Aaros?“, gab Ansem erstaunt von sich und liess seinen Blick nachdenklich zur Seite fallen. „Den hab ich seit Hectors Tod nichts mehr gesehen“, fügte er lächelnd hinzu. Hektisch wich sein Blick auf die andere Seite. „Das war ein Feuerwerk!“, sprach er keuchend und mit zittrigen Augenliedern. Kurz darauf blickte er Roland wieder gelassen an. „Ich würde sagen, dass liesse sich einrichten“, sagte er und nickte ihm zu. Schnell wich sein nüchterner Blick allerdings leer zur Seite, als würde neben ihm noch jemand stehen. „Ich hab ja sonst nichts zu tun“, sprach er etwas verstimmt, die Augen dabei geschlossen. Als er sie wieder öffnete wandte sich seine Miene ins Gegenteil. Die Augenbrauen finster zusammengezogen sah Ansem erneut zu Roland. „Ich mach da nicht mit“, keuchte der Magier. Dann wich seine Aufmerksamkeit auf die andere Seite. „Warum nicht?“, fragte er ruhig. Den finsteren Blick wieder aufgesetzt, atmete er tief ein. „Ich hab Hunger. Und solange der andere die Suppe nicht fertig kriegt, bleibt das auch so!“, meckerte Ansem vor sich her.
Roland stand sprachlos vor ihm und sah sich währenddessen etwas im Raum um. Er beobachtete Kyndle, welche sich wieder langsam dem kleinen Stoffdrachen näherte. „Hey!“, zischte er leise zu ihr. Sie schickte ihm ein helles Funkeln aus ihren tiefblauen Augen. Mit einem fröhlichen Gurren hob Kyndle geschwind ihren Kopf über die Kommode und schnappte sich das Stofftier. Sie legte sich auf den Boden und platzierte es zwischen ihren Vorderläufen, wo sie sanft ihr Gesicht daran rieb. Ihr vergnügtes Gurren verschaffte Roland ein leichtes Schmunzeln.
Ansem war noch immer mit sich selbst beschäftigt. Leicht gebeugt schritt er neben Kyndle, welche friedlich mit dem Stofftier kuschelte. „Mister Mankey mag dich“, erklärte er und schaute die Drachin leicht schmunzelnd an. Kyndle gurrte vergnügt weiter und schnaubte den Mann einmal an. Den Kopf gehoben begann Ansem plötzlich in der Luft zu schnuppern. „Ohh, sie sind da!“, verkündete er erleichtert. Die Luft durch seine Nase ziehend näherte er sich Roland. Vor ihm blieb er stehen und schnupperte weiter. Roland zog seinen Kopf etwas zurück und schaute den Mann skeptisch an. „Ja, irgendwo hier“, sprach er erneut. „Wer ist hier?“, wollte Roland verwirrt wissen. „Hey!“, gab er überrascht von sich, als ihm Ansem den Rucksack entriss.
Er stellte ihn auf den Boden und suchte neugierig darin. „Was soll das?“, hakte Roland nach. Ansem hob bestimmend einen Zeigefinger. „Schscht!“, zischte er schnell. „Sonst fliehen sie wieder.“ Mit einem nervösen Zucken in den Augen zog er die Zwiebel und die Karotten aus der Tasche. „Da sind sie ja“, rief er erleichtert und schritt mit den Dingen zum Herd. „Also, ähm …“, stammelte Roland unbeholfen vor sich hin, als Ansem an ihm vorbei ging.
Schnell war das Gemüse kleingeschnitten und landete im Topf. Ansem machte einen Schritt vom Herd zurück und öffnete die Klappe unter der Kochfläche. Einmal tief eingeatmet schloss er kurz die Augen. Er hielt eine Hand zur Seite und schnippte einmal laut mit den Fingern.
Ein niedliches „Meep“ war zu hören und der kleine Stoffdrache sprang plötzlich aus Kyndles Umarmung heraus. Gezielt rannte er zu Ansem. Mit fragendem Blick beobachtete sie das Stofftier und folgte ihm neugierig. Der kleine Drache stellte seine Vorderpfoten auf die Klappe und gab einen hellen Flammenstoss in den Herd. Roland zuckte kurz zusammen, als das Plüschtier den Ofen entfachte und wollte nicht wissen, wie dies jetzt möglich war. Ansem reagierte kaum, als wäre es das Normalste auf der Welt. Das Feuer brannte hell und der Magier schloss die Klappe ruckartig. Er klopfte dem Stofftier lobend auf den Kopf und es blieb wieder regungslos stehen. Kyndle betrachtete es lange mit schräggehaltenem Kopf, bevor sie mit einem leisen Gurren wieder danach schnappte und sich damit heimlich zurückzog.
Roland beobachtete sie lächelnd und wandte sich dann wieder Ansem zu, welcher fröhlich pfeifend in der Suppe stocherte. Er stellte sich neben ihn an den Herd und warf einen Blick auf den Topfinhalt. Die kleinen Bläschen, welche vorher noch aufgestiegen waren, waren plötzlich verschwunden, als würde die Suppe nicht mehr kochen. Ansem unterbrach sein Pfeifen schlagartig und zuckte erschrocken zusammen, als er Roland neben sich entdeckte.
„Ich bin auch dabei“, beteuerte Ansem etwas nervös. Sein Blick verfinsterte sich erneut. „Erst essen, dann herstellen!“, keuchte er. Erleichtert atmete Roland aus. „Damit wären dann hoffentlich alle einverstanden“, dachte er vor sich hin. „Ihr nehmt doch auch einen Teller?“, fragte ihn Ansem ruhig. „Warum nicht“, antwortete Roland schulterzuckend.
Es zog eine lange Stunde ins Land, während Roland und Kyndle mit Ansem einen Teller Suppe löffelten. Obwohl die Brühe ziemlich dünn aussah, war er nach einer Portion davon so satt, wie nach einer Henkersmahlzeit. Die Drachin lag friedlich gurrend neben dem Tisch am Boden, vor ihr die saubergeleckte Schüssel. Vergnügt schmiegte sie ihr Gesicht an dem kleinen Kopf des Stoffdrachen, welchen sie zwischen ihren Vorderpranken hielt. Roland versuchte währenddessen, etwas mehr über die Vergangenheit des Magiers zu erfahren, doch kamen dabei nur zusammenhanglose Antworten heraus. Ausserdem war es für Roland sehr schwer zu erkennen, wer sich gerade mit wem unterhielt. Denn er hatte immer das Gefühl, als würden mehrere Gespräche gleichzeitig stattfinden. Nach der erfolglosen Fragestunde traten sie schliesslich aus der Hütte.
„Wir nehmen an, du hast alles dafür Notwendige dabei?“, erkundigte sich der Erzmagier, als sie auf dem Kiesplatz ankamen. Zuversichtlich nickte Roland und nahm den Rucksack in die Hand. Kyndle machte einige Schritte aus dem kleinen Haus und warf einen schnellen Blick zu dem kleinen Stoffdrachen zurück. Ein glückliches „Chirp“ fügte sie dem starken Schnauben an und wandte sich anschliessend Roland zu.
„Hier rüber“, deutete der Erzmagier an und begab sich zu dem Tisch unter dem Unterstand neben dem Haus. Langsam ging Roland darauf zu und begann, die Sachen aus dem Rucksack zu holen. Nebeneinander stellte er die Dinge auf den Tisch: Ein erstarrter Wasserspeier, einen Lederhandschuh, ein kleiner Beutel mit Obsidiansplittern, eine Flasche Drachenessenz und einen grösseren, ovalen Edelstein.
Prüfend schaute sich Ansem die aufgestellten Gegenstände an. „Scheint alles da zu sein“, sprach er gelassen. Er schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Den Blick geöffnet, war seine finstere Miene wieder präsent. Er drückte seine linke Wange auf die Tischfläche und sah die Sachen erneut kritisch an. Mit zuckendem Auge blieb sein Blick bei dem Edelstein stehen. Mit einem schwachen Keuchen hob er ihn hoch. Ihn mit Zeigefinger und Daumen festhaltend drehte er ihn langsam vor seinen Augen im Lichtschein. „Nicht alles“, gab er keuchend von sich und warf den Stein kräftig auf die Tischplatte herunter. Leicht erschrocken machte Roland einen Schritt auf ihn zu. „Was meint…!“ Seine Worte brachen ab, als er den Stein auseinanderbrechen sah.
„War also kein Edelstein“, dachte er laut in sich und schaute enttäuscht die Bruchstücke auf dem Tisch an. Ansems finsterer Blick wich zu ihm. „Mit Glas funktioniert es nicht“, flüsterte er mit einem schwachen, finsteren Grinsen. Roland warf Kyndle einen leicht traurigen Blick zu. „Was machen wir jetzt?“, fragte er sie. Das Weibchen sah ihn mit feuchten Augen an und gab mit halb geschlossenen Lidern ein leises Gurren von sich, bevor sie ihren Kopf leicht zur Seite neigte.
Roland senkte niedergeschlagen seinen Kopf. „Dann können wir das Ganze ja vergessen“, seufzte er laut. Ansem wandte sich ihm zu und sah ihn gelassen an. „Das würde ich so nicht sagen“, kündete der Magier ruhig an. „Es gibt nicht nur den einen Weg zu einem geeigneten Katalysator.“ „Und welcher sollte das sein?“, hakte Roland hoffnungsvoll nach. „Ich bezweifle, dass ein Edelstein so einfach aus dem Nichts fällt.“
Mit zittrigem Kopf neigte Ansem sein Gesicht zur Seite und sah zum Himmel hoch. „Ist durchaus schon vorgekommen“, sprach er und nickte selbstgefällig. Im Anschluss hob er seinen Arm vor sein vor sein Gesicht und starrte auf sein Handgelenk. „Das Nächste findet aber erst in 76 Tagen, 25 Stunden, 87 Minuten und 63 Sekunden statt“, ergänzte er monoton und grinste anschliessend mit zuckendem Augenlied. Roland sah völlig verwirrt zu dem Mann und zog unsicher die Augenbrauen zusammen.
Einen langen Moment starrte Ansem leer geradeaus. Kurz darauf begann er zu lächeln und schaute dabei zu der Drachin. „Eine Schuppe von einem Wächterdrachen würde allerdings auch funktionieren“, antwortete er. Roland blickte Kyndle ebenfalls an. „Aber sie ist doch kein Wächterdrache“, warf er unsicher ein. Kyndle hielt ihren Kopf leicht zur Seite geneigt und gab ein fragendes „Chirp“ von sich. Mit grossen Augen blickte sie den Erzmagier an.
Gierig funkelten Ansems Augen. „Ohh, diese Aura lässt sich auch bei geschlossenem Zugang nicht verbergen“, erklärte der Magier keuchend, bevor sich seine Mimik wieder etwas entspannte. „Sie ist die direkte Nachfahrin von Kyleth, welche ja von dem Jägerorden niedergestreckt wurde.“ Erstaunt betrachtete er Ansem. In den geweiteten Pupillen sah Roland ein schwaches Glitzern und war sich sicher, ein leichtes Schmunzeln auf seinen Lippen zu erkennen. „Aber du hast Recht“, fuhr er fort, als dieses Schimmern nachgelassen hatte. „Ein Wächter selbst ist sie noch nicht, doch besitzt sie bereits jetzt zu einem Teil ihre Gabe.“
Nachdenklich senkte das Weibchen ihren Kopf und blickte zur Seite. Roland beobachtete seine Partnerin, wie sie sich langsam auf den Boden legte und plötzlich völlig abwesend wirkte. Unsicher schritt er zu ihr heran. „Kyndle?“, sprach er leise, doch kam von ihr keine Reaktion. Fragend warf Roland einen Blick zu Ansem. Dieser sah ihn mit leicht zuckendem Auge an und fuhr sich mit dem rechten Daumen über den linken Unterarm. „Die Blutslinie vergisst nicht.“
Ein schwaches Wimmern drang aus Kyndles Hals, als ihr Kopf leicht zuckte. Tröstend hielt Roland ihr eine Hand auf die Stirn und strich mit der anderen über ihren Hals. Kaum hatte er ihre Schuppen berührt, überschwemmte Kyndles gedankliches Durcheinander sein Bewusstsein. Tief im Inneren spürte sie, dass Ansem irgendwie die Wahrheit sagte.
In Kyndles Erinnerungen kamen einige verschwommene Bilder zum Vorschein. Diese schienen allerdings älter als ihre erste Begegnung. Roland sah die Eindrücke so klar vor sich, als würden sie gerade eben passieren. Wie ein Geist bewegte er sich durch diese Bilder und beobachtete alles als stiller, unsichtbarer Zeuge...
Category Story / All
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